WorldWine Blog

16. April 2011

Billig oder teuer? Britische Wissenschaftler blamieren sich schon wieder

von Eckhard Supp - Woran es liegt, vermag ich nicht zu sagen. Dazu kenne ich den britischen Wissenschafsbetrieb zu wenig. Aber es ist schon auffällig, dass britische Wissenschaftler, wann immer es um das Thema Wein oder Alkohol geht, mit ihren "wissenschaftlichen" Methoden ins Schleudern zu geraten scheinen. Derzeit wieder mit einem Test, bei dem Probanden angeblich billige Weine genauso gut fanden wie teure.

Das jedenfalls legen Berichte nahe, die in den diesen Tagen in verschiedenen Online-Publikationen (z. B. hier ...) erschienen. Nach ihnen haben Psychologen der Uni Hertfordshire unter der Leitung von Richard Wiseman insgesamt 578 Personen verschiedene und verschieden teure Weine vorgesetzt und sie gebeten, zu sagen, welche Weine in ihren Augen die teureren, welche die billigeren waren. Das Resultat dieses Ratespiels - man hätte es den Herren Psychologen auch ohne Untersuchung vorhersagen können - war, dass die Probanden in etwa der Hälfte der Fälle richtig rieten, ganz so also, als hätten sie die Weine gar nicht probiert, sondern blind getippt. Die Schlussfolgerung, die unser tapferer Wiseman aus seinem Versuch zieht, lautet: "People are drinking wine for taste, so they’re wasting their money if they can’t tell them apart" (Menschen trinken Wein, weil er ihnen schmeckt. Sie schmeißen ihr Geld also zum Fenster heaus, weil sie gar keinen Unterschied feststellen können), so jedenfalls wird er in der englischen Presse zitiert.

Falsche Fragestellung

Die Crux dabei ist, dass der Versuch diese Schlussfolgerung schlichtweg nicht hergab. Hätte die Frage an die Testpersonen gelautet: "Welcher Wein schmeckt Ihnen besser", und wäre das Ergebnis dann in Relation zum separat ermittelten Preis der Weine gesetzt worden, dann hätte das "wissenschaftliche" Fazit zumindest einen gewissen Sinn ergeben. Aber ich wage zu behaupten, dass das Ergebnis dann auch ganz anders ausgefallen wäre.

Das Problem bei der Fragestellung? Während die Frage nach "gut oder schlecht" bei den Probanden vermutlich zu einem wirklich geschmacklichen Urteil geführt hätte, musste die nach "teuer oder billig" fast zwangsläufig jede Menge Überlegungen auslösen, die mit dem eigentlichen Geschmack gar nichts zu tun haben. So assoziieren vielleicht viele Menschen "tanninhaltig" mit "besonders wertvoll" oder "dunkle Farbe" mit "sehr teuer", ohne dass ihnen die tanninhaltigen oder dunkle Weine notwendiger Weise besser schmecken als die anderen. Der Kopf, nicht der Geschmack, trifft in diesem Fall die Unterscheidung.

Bei den weiteren, in Hertfordshire durchgeführten Testreihen war diese Beeinflussung der Probanden noch massiver. Da wurden ihnen nämlich Weine unter Angabe eines angeblichen Preises eingeschenkt, und siehe da, die Testpersonen fanden die angeblich "teuren" Weine auch wirklich besser, auch wenn sie in Wirklichkeit die billigeren waren. Warum, liebe Herren Psychologen, glaubt Ihr wohl, dass wir Profis - ja selbst Profis - unsere Weinbewertungen so oft mithilfe einer Blindverkostung vornehmen, d. h. einer Verkostung, bei der wir genau keine (!) Informationen über den Wein (Erzeuger, Preis etc.) haben. Aus Vergnügen vielleicht? Nein! Weil wir, im Unterschied zu Euch aus langer Erfahrung wissen, wie sehr das menschliche Geschmacksurteil durch solche Informationen beeinflussbar ist. Und wie erklärt Ihr es, dass wir dann so oft - keineswegs immer, das sei hier auch festgehalten! - bei solchen Blindverkostungen zum Ergebnis kommen, dass die teureren Weine auch die besseren sind?

À la Gutti

Man fragt sich instinktiv, ob diese Herren Psychologen ihre Doktortitel à la Gutti erworben haben. Dabei sind ihre "Forschungen" beileibe nicht das Schlimmste, was britische Wissenschaftler in den letzten Jahren zustande gebracht haben. Über die Krebsstudie - schon geringer Alkoholgenuss sollte angeblich die Krebsrate bei Frauen steigern, eine Schlussfolgerung, mit der die beteiligten Wissenschaftler ihre eigenen statistischen Auswertungen und Tabellen Lügen straften - haben wir an dieser Stelle berichtet.

Auch die tolle Meldung, die kürzlich durch das Internet geisterte, gehört in diese depperte Trickkiste inkompetenter - natürlich britischer, hätte ich fast gesagt - Wissenschaftler. Da war nämlich behauptet worden, schon ein "tägliches Glas Wein oder Bier" steigere das Krebsrisiko signifikant. Merkwürdig nur, dass sämtliche Medien, die darüber berichteten, im weiteren Text dann auch die Aussage zitierten: "Unsere Daten zeigen, dass viele Krebserkrankungen hätten vermieden werden können, wenn der Alkoholkonsum auf zwei Getränke täglich bei Männern ... beschränkt worden wäre."

Ja was denn nun? Ist ein Glas schon schädlich oder kann man zwei Gläser täglich ohne Risiko trinken?

Wie gesagt, um zu beurteilen, warum sich ausgerechnet britische Wissenschaftler immer wieder mit solchem Unsinn "profilieren", fehlt mir die Kenntnis des britischen Wissenschaftsbetriebs. Aber wenn ich es recht bedenke, möchte ich den auch gar nicht kennenlernen.


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