WorldWine Blog

08. November 2011

Buchmarkt: Bordelaiser Geschichten

von Eckhard Supp - "Schon wieder so ein Wälzer, der ungelesen im Regal landen wird", stöhnte ich, als ich den neuen Bordeaux-Weinführer von Jacques Dupont auf den Tisch bekam. Nun sind Jacques und ich allerdings schon seit Jahrzehnten befreundet - damals waren wir beide noch nicht bei der Weinschreiberei gelandet -, und so nahm ich den dicken Brocken dann doch mit auf meine jüngste Bordeauxreise, um beim Abendessen ein wenig darin zu blättern. Der Freundschaft wegen, sozusagen. Die Überraschung, die ich dann erlebte, hätte größer nicht sein können.

Ich habe jedenfalls in den letzten Jahren - eigentlich schon seit den Anfangsjahren des italienischen Gambero Rosso - keinen Weinführer mehr in der Hand gehabt, bei dem das LESEN, ja das Lesen, nicht nur das Punkte-Nachschlagen, so viel Spass gemacht hätte. Wollte ich anfänglich in dem Buch nur ein wenig blättern, so kam ich im Verlauf des Abends kaum noch davon los.

Das lag nicht nur am Stil und am feinen Humor, der sich immer wieder Weg bahnt, sondern auch daran, dass Dupont Dinge benennt und richtig stellt, die auch mich in der Diskussion über Weine und Weinmacher schon seit Jahren ärgern. Auch mein alter "Liebling", das Terroir, ist dabei.

"La confusion entre sols et terroirs s'entend fréquemment. On peut posséder le plus beau sol viticole, sous le meilleur climat, la plus belle des expositions en pente face au soleil, s'il ne peut être valorisé par l'homme, il demeurera une terre inculte" (deutsch: Die Begriffe Boden und Terroir werden häufig verwechselt. Man kann den besten Weinbergsboden im besten Klima und mit der besten Ausrichtung zur Sonne besitzen, aber wenn der nicht durch den Menschen aufgewertet, sein Potenzial ausgeschöpft wird, bleibt er ein Stück Brachland), schreibt Dupont und zitiert den Geographen Roger Dion: "Il n'y a pas moins d'excès à définir les grands crus bordelais comme une "conséquence" de la présence de la terre de graves qu'il y en aurait à représenter l'art ogival comme un don cu calcaire lutétien" (deutsch: Es ist genauso übertrieben, die Grands Crus des Bordelais als direkte Folge des Vorhandenseins der Schotterböden zu definieren, wie es die Darstellung der gotischen Spitzbogenarchitektur als eine Gabe der Kalkschichten aus dem Zeitalter des Lutets wäre).

Und weiter geht's in diesem Stil: "Le vin n'est pas anonyme, il est le produit d'une rencontre entre un homme - ou de plus en plus une femme - et un sol, un climat" (deutsch: Wein ist nichts Anonymes. Er ist das Produkt einer Begegnung des Menschen mit einem Boden und einem Klima).

Oder bei der Definition dessen, was die Degustation leisten kann: "La dégustation c'est cela. Une part tend vers l'objectivité: mais la dégustation même à l'aveugle n'est jamais une science exacte. Une part de subjectivité confère au vin son humanité" (deutsch: Die Verkostung ist genau das: Sie hat eine Tendenz zur Objektivität, aber selbst als Blindverkostung wird sie nie zu einer exakten Wissenschaft. Ein Rest Subjektivität verleiht dem Wein seine Menschlichkeit).

Genau diese Menschlichkeit ist es, die den dicken Wälzer von Jacques Dupont vor allem auszeichnet: die kleinen und großen Geschichten, die er im Laufe vieler Jahre bei Hunderten, wenn nicht Tausenden Kellerbesuchen in eines seiner prall gefüllten 47 Notizbücher notiert hat. Menschlichkeit und eine Vorliebe für Weine mit großer Finesse, wie ich sie kürzlich erst wieder in unseren Diskussionen über die Weine des Burgunds kennengelernt habe, in denen wir übrigens alles andere als immer einer Meinung waren. So klingt es aus seiner Feder auch keineswegs überheblich oder gar rassistisch, wenn er die Anekdote von den Chinesen erzählt, die das Bordelais bereisen und in jedem Premier-Cru-Château, das sie besuchen, die Frage stellen: "Produzieren Sie auch Carruades (Zweitwein von afite)?".

Das Humane seiner Berichterstattung - kein Weinmacher, kein Châteaubesitzer, kein Régisseur und kein Agronom, der auf den fast 2.000 Seiten nicht mit kürzeren oder längeren Ausführungen zu diesem oder jedem Jahrgang oder önologischen Problem zu Worte käme - und die Vorliebe für Finesse und Eleganz machen Dupont zu einem idealen Anti-Parker. Ich sage das, obwohl ich nicht einmal sicher bin, ob er einen solchen Vergleich goutieren würde. Genauso wenig wie ich mir vorstellen kann, dass er vor Freude jubilierte, als ihn seine eigene Zeitschrift, das politische Magazin "Le Point", für das er seit Jahren die französische Weinlandschaft bereist - bei Spiegel oder Zeit hat man für solchen "Firlefanz" ja leider nichts übrig -, in einer Besprechung des neuen Buchs als "Titanen des Weins" bezeichnete.

Der langen Rede kurzer Sinn: Das Buch gehört bei jedem Bordeauxliebhaber, der des Französischen mächtig ist, unter den Weihnachtsbaum - bestellt werden kann es z. B. bei Amazon Frankreich. Eine deutsche Übersetzung ist wohl noch nicht geplant, und ich stelle mir das Unterfangen auch nicht sehr leicht vor. Es könnte wohl nur jemandem gelingen, der sowohl viel vom Wein versteht, als auch Jacques Stil adäquat ins Deutsche zu bringen vermag.

Jacques Dupont, Le Guide des Vins de Bordeaux, Editions Grasset, Paris, 1.950 Seiten, 39,00 EUR

 


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