WorldWine Blog

18. Oktober 2010

Champagner on the rocks: Marketing skurril

Von Eckhard Supp - Die Krise sitzt den Champagnerhäusern offenbar noch tief in den Knochen. Anders ist die aktuelle Marketing- und PR-Kampagne des bekannten Champagnerhauses Lanson nicht zu erklären, zu der mich vor einigen Tagen eine Mail mit umfangreichem Anhang erreichte. "Dem Klassiker Black Label liegen ab sofort zwei exklusive Longdrink-Gläser gratis bei. Damit forciert Champagne Lanson im 250sten Jahr seines Bestehens den coolen Trend der Côte-d'Azur, Champagner auf Eis zu genießen", hieß es in der Mail, wobei meine Hoffnung, in der Datenflut Genaueres über diesen Trend zu erfahren, leider enttäuscht wurde.

Auch eine rasche Google-Suche ergab nichts Genaueres. Zwei Internetseiten, von denen ich dabei Spuren fand, existieren offenbar gar nicht - die Urls www.champagne-on-ice.co und www.champagneonice.de führen ins Nirvana - und auch ansonsten lieferte mir das Internet zu den Stichwörtern Champagner und Eis fast ausschließlich Verkaufsangebote für Sektkühler. Was dem behaupteten Trend noch am nächsten kam, war eine Mitteilung im Max City Trend: "Der wichtigste Satz hier lautet: "Une bouteille de champagne, s'il vous plaît!" (Eine Flasche Champagner bitte!). An einer "coupe" (Glas) hält sich hier niemand fest. Zumal der Champagner hier nicht unbedingt getrunken, sondern großzügig verspritzt wird. "Nikki Beach" hat u. a. Filialen in Marrakesch und Miami und veranstaltet auch Kreuzfahrten. Ein Nickerchen auf den Strandbetten für vier Personen kostet um 50 Euro."

Wäre ich misstrauisch  - das bin ich PR-Aussendungen gegenüber natürlich üüüüüüüberhaupt nicht!!! -, hätte ich jetzt wohl vermutet, dieser ganze Trend sei nicht mehr, als eine Erfindung der Lanson-Marketingabteilung. Aber ich bin natürlich nicht misstrauisch, und so versuchte ich mir vorzustellen, wie denn so ein "Brut-Klassiker" (PM des Hauses Lanson) on Ice schmecken könne.

Viel kam dabei nicht heraus, denn bekanntlich riecht und schmeckt man bei kalten Getränken um oder nur leicht über dem Gefrierpunkt nicht mehr allzu viel. Auf jeden Fall nichts mehr, was ein solches Getränk zum "Champagner für einzigartige Momente" (PM des Hauses Lanson) machen könnte. Auch den Genuss eines solchen Klassikers im hohen Wasserglas stellte ich mir nicht eben prickelnd vor, ein Effekt, der mit Sicherheit noch dadurch verstärkt werden dürfte, dass das schmelzende Leitungswasser nicht eben ein Übermaß delikater und komplexer Geschmacksnuancen freisetzt.

Fragt sich nur, auf welche Märkte die Lanson-Macher da schielen und zielen? Auf die der Formel-Rennfahrer, bei denen allenfalls Haare und Klamotten mit dem kostbaren, verspritzten Nass in Berührung kommen? Oder auf die der Prickler-Trinker, denen geschmacksloser Billigsekt oder -prosecco gerade gut genug für das nächste Besäufnis sind, und die das Zeug dann allerdings, zur Abwehr körperlicher Gefahren sozusagen, völlig zu Recht eiskalt runterkippen, um nur ja nichts von seinem grausigen Geschmack und Geruch mitzubekommen?

Noch ein Nachtrag: Ich lese soeben auf Decanter, dass den Lanson-Leuten ihr eigener Champagner offenbar so eiskalt auch nicht mehr schmeckt. Jedenfalls mussten die Gäste der 250-Jahr-Feier des Hauses - stilgerecht pompös im Schloss von Versailles organisiert - sozusagen "trocken" wieder nach Hause gehen. "Why doesn’t Lanson offer a bottle of vintage for the best attempt to fill in the gaps? How about it, gentlemen?" fragt Decanter-Autorin Margaret Rand zwischenzeitlich, fast verzweifelt, und stellt am Ende der Feier fest: "You had to queue for Champagne, too, which did at least ensure total sobriety all round."

Nachtrag vom 27.10.: Öffne gerade eine neue Presseaussendung, in der gebeten wird, einen Champagner "unseren Lesern" vorzustellen. Man würde auch Bildmaterial liefern. Denke im Moment an eine Produktvorstellung und -beschreibung etwa im folgenden Stil: "Louis Roederer Cristal Brut 2004, deutlicher Papiergeruch mit zarten Anklängen von Druckerschwärze, am Gaumen extrem trocken, Feuchtigkeitsgehalt unter 10 %, untrinkbar und nicht verkehrsfähig." Sind die Champagnererzeuger und ihre Agenturen eigentlich noch alle bei Trost?


Pfui Teufel. Sekt auf Eis mag

Pfui Teufel. Sekt auf Eis mag gängig sein, im Sommer meinetwegen, und, ja, wenn man nicht soviel schmecken oder nur wenig Alkohol zu sich nehmen will. Aber der Effekt, Aufmerksamkeit zu erzeugen, hat sicher funktioniert.

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