WorldWine Blog

16. Oktober 2011

China - Platzt die Blase schon jetzt?

von Eckhard Supp - Kritische Beobachter des Weinmarkts, insbesondere des chinesischen Markts hochpreisiger Bordeauxgewächse, hatten schon seit einiger Zeit davor gewarnt (s. den entsprechenden Artikel in den jüngsten WorldWine News). Jetzt könnte die Blase des heißgelaufenen Spezialmarkts mit seinen irrwitzig überhöhten Preisen - für einige der Spitzenweine wurden in der diesjährigen Primeurkampagne weit über 1.000 EUR pro Flasche gefordert - schon früher platzen, als es selbst die größten Skeptiker vermutet hätten.

Die Versteigerungen der vorvergangenen Woche von La Varenne-Saint-Hilaire im Pariser Vorort Saint-Maur jedenfalls, bei denen 1.000 Lose prestigeträchtiger Weine junger und alter Jahrgänge unter den Hammer kamen, waren ein deutliches Alarmsignal. Selbst die Angebote von Château Lafite wurden zur Hälfte der Preise vor dem Sommer gehandelt und der Zweitwein Carruades des exzellenten Jahrgangs 2000 ging sogar für läppische 120 anstatt wie zuvor für 300 EUR an seine Käufer.

Dabei hielten sich offenbar besonders chinesische Käufer mit ihren Orders diskret im Hintergrund, und die Akteure, die überhaupt noch zuschlugen - einige Lose blieben gänzlich unverkauft - kamen vorwiegend aus den traditionellen Märkten und Schwellenländern außerhalb Asiens.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den weltweit renommiertesten Weinindices, den Londoner Liv-ex Fine Wine 50 und Fine Wine 100. Während der Liv-ex 50 seit Juli von etwa 440 auf 370 Punkte (- 15,9 %) sank, fiel der Liv-ex 100 von knapp 365 auf etwa 320 Punkte (- 12,3 %). Damit bestätigt der Markt Befürchtungen, die schon vor einigen Monaten öffentlich geworden waren. Der chinesische Markt, der die Tarife zuvor in ungeahnte Höhen getrieben hatte, scheint weit weniger stabil zu sein, als es Optimisten gehofft hatten.

Offfenbar rächt sich die Tatsache, dass Wein in China noch immer kein wirklicher Bestandteil der Ess- und Trinkkultur ist, und der chinesische Markt von zwei sehr aleatorischen Motiven getrieben war: einer Lifestyle-Mode, die aber sehr kurzlebig gewesen sein könnte, und einer reinen Spekulationsblase, die, wenn sie nicht schon geplatzt ist, vielleicht doch kurz davor steht, zu platzen.

All jenen, die in den letzten Monaten und Jahren ihre Hoffnungen auf den chinesischen Markt setzten, könnten beim Anhalten dieser Entwicklung schon bald die Felle wegschwimmen. Das gilt vor allem für Länder wie Australien, die ihre Marketinganstrengungen in den letzten Jahren fast ausschließlich auf das Reich der Mitte konzentrierten.

Statt dessen könnte noch viel rascher eine Entwicklung eintreten, vor der ich selbst schon seit langem gewarnt habe, und die seit dem kürzlichen Gewinn der Decanter Awards in der Kategorie Bordeaux-Verschnitte durch einen chinesischen Wein noch wahrscheinlicher geworden ist. Anstatt ein lohnender Importmarkt zu werden, dürfte China schon bald mit Macht mit eigenen Weinen auf die Weltmärkte drängen. Mit fast dem fünffachen der deutschen Rebfläche, mit seit langem international eingekauftem Know-how und mit einer enormen Kapitaldecke könnte das Land schon bald zu einem wirklich gefährlichen Konkurrenten auf dem Weltmarkt werden. Und dass die Chinesen, wenn sie denn einmal Ernst machen, nicht kleckern, sondern klotzen, das wissen wir ja inzwischen nur allzu gut aus anderen Wirtschaftszweigen.

Tag(s): China, Weinmarkt

Ich schätze die Lage ähnlich

Ich schätze die Lage ähnlich ein, wie Herr Supp. Ich meine, dass dies auf anderen Wirtschaftszweigen ähnlich abläuft.

Mir drängt sich die Frage auf, wird denn der zukünftige chinesische Wein ähnlich attraktiv werden, wie die der europäischen Weine ? Ehrlich gesagt, kann ich mir das nicht vorstellen, schon gar nicht in sehr kurzer Zeit. Wir werden es erleben. Ich bin gespannt.

Ob diese Anzeichen reichen,

Ob diese Anzeichen reichen, um tatsächlich vom Platzen der Blase zu sprechen, betrachte ich (noch) mit Skepsis. Es könnte sich auch um eine vorübergehende Sättigung des Marktes handeln oder um eine breit angelegten Spekulation auf sinkende Preise, um dann erneut den Markt leer zu kaufen.

Mir persönlich wäre es lieb, wenn die Blase platzt und so mancher irrwitzig teure Wein aus Bordeaux oder anderen Regionen wieder zu "vernünftigen" Verkaufspreisen zurück findet. Aber ich befürchte, dass diese Hoffnung eher selbst bloße Spekulation bleibt. Wenn der eine Markt weg bricht, taucht in aller Regel ein neuer auf ...

@Huub Dykhuizen Klar ist der

@Huub Dykhuizen Klar ist der Versuch, Entwicklungen zu prognostizieren, immer auch eine Art Spekulation. Deshalb habe ich ja auch ständig den schönen Konjunktiv, den uns die deutsche Sprache zur Verfügung stellt, genutzt. Ich will auch gar nicht behaupten, dass die Sache so ausgehen muss, wie ich es andeute. Erinnere mich aber auch noch gut daran, wie mich 1982 einmal ein ganzer Saal voller Intellektueller und Journalisten in Paris schallend auslachte, als ich glaubte, die Frage stellen zu müssen, ob man sich denn nicht vorstellen könne, dass die Sowjetunion in absehbarer Zeit an ihren inneren (ökonomischen / politischen) Widersprüchen auseinanderbreche. Wie wir alle wissen, hat es dann noch 5 Jahre gedauert ... Was ich damit sagen will: Nur, wer sich auf mögliche Entwicklungen vorbereitet, ist in der Lage, mit ihnen umzugehen, wenn sie tatsächlich eintreten.

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