WorldWine Blog

14. Mai 2010

Eine Frage des Charakters? – Oder des Geldes?

Von Eckhard Supp – “Eine Frage des Charakters”, lese ich heute morgen, angeregt durch eine bereits heftige Debatte auf Facebook, auf den Online-Seiten des Hamburger Abendblatts über der Vorstellung eines neu gegründeten "Weinclubs". Eine Überschrift die neugierig macht! Wer weiterliest, entdeckt aber sehr schnell, dass es hier mitnichten um "Charakter" geht, sondern um schnöden Mammon.

Die zitierte Überschrift leitet einen Artikel von Beat Koelliker ein, dem einstigen Chef des jedem Weinfreund sattsam bekannten Schweizer Hallwag Verlags (Bücher von Hugh Johnson, Jancis Robinson etc.), der sich als Chef des neugegründeten Abendblatt-Weinclubs vorstellt.

Neugegründet? Nun, die Homepage des Clubs erinnert mich an etwas, und nach einigen Minuten Internetsuche werde ich auch fündig: www.weltweinclub.de (aus demselben großen Verlagshaus) heißt die Seite, an die ich mich erinnerte. Selber Aufbau, selbe Aufmachung, im Prinzip selbes Angebot, nur andere Farben und anderes Logo. Neugegründet? Auch die Firma, die hinter den beiden Clubs steht, ist identisch: Es ist die Direct Wines AG im Schweizerischen Opfikon, als deren Verantwortlicher ein gewisser Simon Nicholas McMurtrie im englischen Wargrave angegeben wird. Aber das ist beileibe nicht die einzige Merkwürdigkeit.

“Der Hamburger Abendblatt-WeinClub wurde in Deutschland in Zusammenarbeit mit Direct Wines gegründet, einem der weltweit führenden unabhängigen Weinhändler. Wir haben uns darauf spezialisiert, hervoragende, in kleinen Mengen erzeugte Weine von unabhängigen Weingütern in der ganzen Welt anzubieten, an die große Supermarktketten oder Einzelhändler zumeist nicht herankommen.” So die Selbstdarstellung des Abendblatt-Weinclubs, die man unter der Rubrik ”Über uns” finden kann.

“In kleinen Mengen erzeugte Weine von unabhängigen Weingütern”, das bedeutet natürlich, wenn man es wörtlich nimmt, erst einmal gar nichts.

Unabhängig ist a priori jedes Wirtschaftsunternehmen, egal wem es gehört, und ein “in kleinen Mengen erzeugter Wein” kann natürlich auch die 2.000-Flaschen-Sonderfüllung aus dem 10-Mio-Litertank sein. Dennoch steht dieser Satz da nicht zufällig, denn er soll suggerieren, der Club verkaufe handwerklich gemachte Weine von kleinen Weingütern. Deshalb heißt es auch in der Selbstdarstellung wenig weiter: Die besten Weine werden handwerklich hergestellt und von deren Erzeugern in kleiner Menge ausgeliefert. Richtig, und wieder sehr geschickt formuliert: Der Club behauptet nicht, dass er handwerklich gemachte und in kleiner Menge ausgelieferte Weine anbietet, er sagt nur, dass die besten Weine diesen Kriterien genügen müssen/sollten.

Aber dann kommt doch noch ein verräterischer Schlusssatz “Die Weine stammen meist von kleineren, handwerklich arbeitenden Erzeugern. Die großen Riesenverschnitte mit ihrem Einheitsgeschmack überlassen wir anderen.”

Weine von kleineren Erzeugern?

Wir haben einmal willkürlich Weine aus drei Ländern ausgewählt und die Probe auf’s Exempel gemacht. So wie das Mario Scheuermann auf Facebook zeitgleich mit dem einzigen ungarischen Angebot tat: Der stammt nämlich von “Thörley/Balantonboglár. Das ist eine Tochter des deutschen Sektkonzerns Henkell und Söhnlein”. Ein kleinerer, handwerklich arbeitender Betrieb! Da lachen ja die Hühner. [...]


Zu diesem Blogbeitrag kann

Zu diesem Blogbeitrag kann ich nur eins sagen: Klasse! Schön den Spiegel vorgehalten. Handwerklich produzierte Weine… selten so gelacht…

Danke, lieber Eckhard Supp,

Danke, lieber Eckhard Supp, für diesen demaskierenden Artikel. Sie wissen – wie immer – genau, worüber Sie schreiben, und verstehen es einmal mehr, den Leser (heißt: den Verbraucher) ebenso fachkundig wie pointiert über eine große Schaumschlägerei aufzuklären. Eine Freude und ein Gewinn zu lesen – während man die Händer überm Kopf zusammenschlägt.

Danke für die Blumen. Wenn

Danke für die Blumen. Wenn ich ganz ehrlich bin, hat mich dieser Abendblatt-Weinclub nicht wirklich überrascht, der fadenscheinige Artikel auch nicht. Was mich wirklich aufregt, das sind die Weinclubs, über die (fast) niemand redet. Wenn da beispielsweise eine bekannte deutsche Kochzeitschrift in ihrem “Weinclub” redaktionell Weine eines Handelsunternehmens empfiehlt, in dessen Aufsichtsrat die Herausgeberin besagter Kochzeitschrift sitzt. Oder wenn in einer renommierten Wirtschafts-Tageszeitung die Weinkolumnen direkt von einem Weinhändler geschrieben werden, der sich dann sogar erdreistet, seinen eigenen Weinhandel als Bezugsquelle anzugeben.

Das sind für mich die wirklichen journalistischen Sünden, gegen die ist Beat Koelliker mit seinem Club ein Waisenknabe.

Aber komischerweise regt sich über die niemand außer mir auf ...

Kompliment! Eine fachlich

Kompliment! Eine fachlich fundierte Antwort auf diese komische Mode mit den Weinclubs der diversen Zeitungen.

Bitte weiter aufregen, lieber

Bitte weiter aufregen, lieber Herr Supp! Es ist schon makaber, wie manche Leute die Verbraucher an der Nase herumführen!!!

Danke,danke,danke und noch

Danke,danke,danke und noch weiteres thanks für diesen tollen Beitrag!! Machen Sie bitte so weiter!

Lieber Eckhard Supp! Ganz

Lieber Eckhard Supp!
Ganz dicken Schmatz fuer die offenen Worte und die so notwendigen Infos! Du hast hier nicht nur die Wahrheit der ganzen Situation des derzeitigen missbrauchten deutschen Weinmarktes per Clubangebot von Zeitschriften sowie Tageszeitungen beschrieben, sondern auch noch aufgeklärt wie dreist doch mancher Schreiberling, der in Wirklichkeit sich als Weintantler entpuppt, sein kann! Danke – schade nur, dass sich trotz deiner Hilfe wenig daran aendern wird. Bitte weiter schreiben!

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