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30. Juni 2011

Franciacorta: Morettis Bester

von Eckhard Supp - Nein, der Titel "kleine Champagne" wird der italienischen Franciacorta nicht wirklich gerecht. Dazu sind ihre Produkte viel zu eigenständig - man denke nur an den Satén, ein Produkt, das ausschließlich aus Chardonnay und Weißburgunder erzeugt und für die zweite Gärung mit weniger Zucker und Hefen versetzt wird, also auch einen geringeren Kohlensäuredruck aufweist. Die Premium-Riserva des berühmten Weinguts Bellavista von Vittorio Moretti ist zwar kein Satén, sondern ein Extra Brut aus Chardonnay und Spätburgunder mit weniger als 3 g / l Restzucker, aber eigenständig ist er allemal. Das bewiesen Moretti und sein Önologe Mattia Vezzola Anfang der Woche bei einer Vertikalverkostung in Hamburg, der ersten dieser Art außerhalb Italiens, wie Moretti betonte. Der Vergleich mit der Champagne hinkt dabei, glaubt man Vezzola, gleich aus mehreren Gründen. Zunächst einmal fehlt natürlich Marken- und Marktmacht, was bei einem kleinen Anbaugebiet wie dem der Franciacorta mit seinen 2.800 ha Rebfläche, das zudem überhaupt erst seit Anfang der 1960er-Jahre (Bellavista produziert seit 1979/80) existiert, auch nicht verwunderlich ist.

Dann fehlt es aber auch an einer einheitlichen geschmacklichen Identität, wie sie für den Champagner trotz aller gegenteiligen Entwicklungen immer noch erkennbar ist. Und schließlich fehlen sowohl die qualitative Gleichmäßigkeit des Produkts als auch Anbieter von industriellen Dimensionen (Genossenschaften und Großkellereien). Es reicht, sich vor Augen zu halten, dass heute etwa zwar 11 - 13 Mio. Flaschen Amarone, aber nur knapp 10 Mio. Flaschen Franciacorta im Jahr vermarktet werden. "Wir brauchen noch 20 Jahre, bis wir eine Marktmacht sind", erkennt Vezzola selbstkritisch an, wobei allerdings auch der Weg dorthin unter den Erzeugern mehr als umstritten ist - die einen setzen auf steigende Produktionsmengen, die anderen wollen den Nischencharakter ihrer Produkte ausbauen und stärken.

Die Eigenständigkeit des Extra Brut Vittorio Moretti, der nur in besonders geeigneten Jahrgängen erzeugt und erst nach sieben Jahren degorgiert wird, liegt dabei vor allem in seiner extremen Finesse und Alterungsfähigkeit. Das stellten Moretti und Vezzola mit Weinen bis zurück zum Jahrgang 1991 unter Beweis, wobei lediglich der 1995er mit seiner markanten Botrytis- und Alterungsnoten ein wenig aus der Rolle fiel. Etwas außer der Reihe auch der sehr verschlossene 2004er, von dem nicht zufällig zum ersten Mal nicht gleich die gesamte Menge, sondern nur die Hälfte auf einmal degorgiert wurde. Der Rest muss noch eine ganze Weile auf der Hefe warten. Hier unsere Verkostungsnotizen:

2004: silbriges Strohgelb, noch wenig, unregelmäßiges Perlage, sehr verschlossene Frucht, Schaum und Säure am Gaumen noch markant, wirkt vollkommen unzugänglich und braucht noch Jahre in der Flasche, schwer zu beurteilen, wie er sich entwickeln wird. ****

2002: sehr feines, persistentes, aber etwas unregelmäßiges Perlage, Banane und Apfel, getrocknete Feigen im Duft, schöne fruchtige Säure, guter Fruchtcharakter bis ins Finish, auch leichte Mineralität, Länge, wird mit der Lüftung immer voller und gewinnt Länge, zeigt sich schon etwas ausgewogener als bei der Vorverkostung vor knapp 2 Monaten. *****

2001: (degorgiert 2008) etwas fahles Stroh, feines, regelmäßiges Perlage, Orangenschale, feine, tiefe Fruchtaromen, mit der Lüftung etwas Rauch und Mineralik, dichter, fester Körper, sehr frisch, große Frucht bis ins Finish, sehr eleganter, schönster Wein der Serie. *****

1995: dichtes Gelb, Perlage ist vollkommen verschwunden, im Duft Vanille, Weihnachtsgewürz, gelbes Steinobst, markante Botrytis und deutliche Alterungsnoten, am Gaumen noch voll und rund, wirkt wie ein gut gereifter Stillwein ****

1991: dichtes Grüngelb, noch extrem feines und delikates Perlage, aromatische Tiefe mit Früchten und Gewürzen, sehr ausgewogener Fruchtcharakter am Gaumen, etwas süßer Keks und mit der Lüftung Reifenoten, sehr gut gereifter Wein. *****


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