WorldWine Blog

04. Mai 2012

Gefährlicher Jubel über 2011

von Martin Kössler (www.weinhalle.de) - Gerade geht mir ein Newsletter eines Weinhandels-Kollegen zu, der sich dabei schier überschlägt, den Jahrgang 2011 seines offensichtlichen deutschen Lieblingsweingutes anzupreisen. Dabei nimmt die Anzahl der verwendeten Superlative und Adjektive geradezu beängstigende Ausmaße an. Seit 30 Jahren handeln wir jetzt professionell mit Wein. Ein Jahrgang wie dieser scheint an mir bisher vorübergegangen zu sein: Kometenhaft, Geniestreich der Natur und so weiter und so weiter. . .  ich finde diese seitenlangen Ergüsse an Aneinanderreihungen der immer gleichen Worthülsen wenig hilfreich. Liebe Kollegen, glaubt Ihr eigentlich selber, was Ihr da schreibt?

Diese Art ‘emotionaler’ Wein- und Winzerbeschreibung scheint mir weniger erbaulich als bedenklich. Denn . . .

. . . 2011 ist mitnichten, das werden Euch die seriösen Winzer der Republik im persönlichen Gespräch  bestätigen, der von Euch besungene Jahrhundertjahrgang, zu dem Ihr ihn auf Biegen und Brechen zu machen scheinen wollt. Schon mal was von den Erträgen des Jahrgangs gehört?

Gut die Hälfte der VDP-Winzer scheint die verbandseigene Ertragsgrenze gerissen zu haben, das hat es so noch nie gegeben. Wenn das der Winzerelite der Nation passiert, was ist dann mit all den anderen ‘Normalo’-Winzern? Das reale Szenario ist ein anderes als das, das Ihr zu zeichnen versucht:

Zu hohe Erträge sorgten für zu niedrige Extraktwerte. Die werden noch zum Problem des Jahrgangs 2011, denn im Zusammenspiel mit der zu niedrigen Säure des Jahrgangs, die schon während der Ernte dazu führte, daß den Winzern, wie schon im (großen?) Jahrgang 2003, offiziell die Aufsäuerung erlaubt wurde, dürfte sich 2011 sehr schnell entwickeln und vermutlich noch schneller verblühen. Diese ‘gefährliche’ Konstellation ist es übrigens, die Euch den Jahrgang so hochjubeln läßt: Sie ist es, die die Weine im heutigen Zustand ungemein zugänglich, süffig und seidig macht; sie ist es auch, die durch den fehlenden Extrakt die niedrige Säure sehr viel präsenter und ‘gesünder’ schmecken läßt, als sie es chemisch und mikrobiologsch tatsächlich ist. Als kundige Verkoster hättet Ihr bei vielen Weinen, auch von so manchem deutschen Spitzenwinzer, merken müssen, das auf der Zungenmitte die stoffliche Substanz fehlt, die innere Dichte, für die der Extrakt eines Weines steht, der unserer Meinung nach Voraussetzung für einen wirklich großen Jahrgang ist. Wenn das zu erreichen schon den Winzern des VDP schwer fällt, was ist dann mit den Winzern, die nicht so genial galaktisch arbeiten wie Eure?

Hier wäre informative Differenzierung den Kunden gegenüber angebrachter, als inflationärer Jubel, der sich Jahr für Jahr zu steigern scheint, egal, wie der Jahrgang tatsächlich war. Damit dienen wir unseren Kunden nicht. Es stimmt, daß 2011 sehr gut sein kann. Dieses ‘kann’ ist aber die rare Ausnahme. Die Regel des Jahrgangs werden triste, müde, unbeseelte Weine aus unambitioniert technischer Produktion sein. Sie werden die Marktrealität dominieren, und das um so mehr, je länger sie auf dem Markt sein werden.  Das ist die traurige Realität, vor der wir unsere Kunden warnen sollten. Dazu sollten wir ihnen erklären, was die Ausnahmen zur Ausnahme macht. Das scheint uns wichtiger, als ohne Fakten und Informationen einen Jahrgang hochzujubeln, dem es schlicht an Substanz fehlt – von jenen wenigen Ausnahmen abgesehen, die mit dem Jahr so gut zurecht kamen, daß ihr Jahrgang 2011 vielleicht sogar besser ausfallen wird als 2010 oder 2009.

Da stellt sich die Frage nach den Kriterien, mit denen Ihr die Qualität eines Jahrgangs beurteilt. Sie gälte es allgemein verständlich zu definieren. Ansonsten ist jedes Urteil nämlich willfährig – und damit überflüssig. Das kann man in wenigen Worten tun. Genau das vermissen wir aber in Eurem Ozean schöner Worte. Wo definiert Ihr Eure Kriterien, die Euch zu Eurem Urteil kommen lassen? Was sind die Fakten und Informationen, die Euch als Basis Eures Urteiles dienen?

Die Zukunft wird die Realität auf der Flasche beweisen. Wir sind skeptisch, was 2011 in seiner Gesamtheit betrifft. Wir warnen unsere Kunden vor der zwiespältigen Realität des Jahrgangs und hängen 2011 tiefer als 2010 in den Spitzen, auch wenn 2010 viel schwerer zu vermitteln ist, als der heute ungeheuer charmant wirkende zugängliche Jahrgang 2011. Ich meine, daß 2011 im Schnitt die Tiefe zur Größe fehlt. Es ist unserer Meinung nach ein eigenständiger Jahrgang sehr spezifischen Charakters, aber es ist kein pauschal großer Jahrgang. Die herausragenden Ausnahmen, die es unbestritten gibt, sind in 2011 leider noch seltener als üblich. Wir ziehen Fakten und für den Kunden verständliche Informationen dem blinden Jubel vor und appellieren an den seriösen Teil des deutschen Weinhandels, mit dem Thema Jahrgang etwas differenzierter umzugehen. Vielen Dank!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht unter http://www.weinhalle.de/blog/2012/04/aus-aktuellem-anlas-gefahrlicher-jubel-uber-2011/.
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Wie immer kommt es darauf an,

Wie immer kommt es darauf an, was man will. In Gänze für 100.000 ha einen Jahrgang nach oben zu jubeln ist schwierig. Wie hat einer meiner Vorgänger, Udo Lützkendorf (heute VDP-Weingut) schon immer gesagt: Ein guter Jahrgang im Süden, ist ein schlechter Jahrgang im Norden und umgekehrt.

Wir sind Saale-Unstrut, also das nördlichste Qualitätsweinanbaugebiet Europas und damit der Welt. Hier ein paar Beispiele:
2006 = Hölle im Süden, super bei uns
2009 = Traum im Süden, mittel bei uns
2010 = Säure im Süden, bei uns einfach vielzuviel
2011 = Entsäuerung im Süden, bei uns perfekte Harmonie

Zum Glück ist das so ...

Zum Glück ist das so ... zumindest, so lange Wein noch nicht zur Gänze aus der Retorte kommt ...

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