WorldWine Blog

02. Dezember 2010

Geiz ist geil - Auch der Fachhandel versaut die Preise

von Eckhard Supp - Manchmal weiß man in dieser Branche wirklich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll, und den Propheten zu spielen, macht auch nicht mehr wirklich Spaß. Erst vor einigen Monaten hatte ich über den Verfall der Fassweinpreise bei Chianti Classico und Barolo geschrieben, und berichtet, wie dick vielen italienischen Winzern der Angstschweiß auf der Stirn steht (s. hier ...). Und quasi als wollte mir jemand unbedingt, fast schon mit Brachialgewalt Recht geben, lese ich heute, dass es ein bekannter Italien-Importeur geschafft hat, im Weihnachtsgeschäft 60.000 Flaschen Barolo zu 6,80 EUR netto zu platzieren - einen Wein, den ich dann auch prompt im Internet zu einem EVP von etwa 12 bis 13 Euro wiederfinde.


Edles Gewächs oder billige Plörre - Barolo am Scheideweg (Foto: E. Supp)

In dem erwähnten Artikel hatte ich von Fasspreisen zwischen 2,80 und 3,50 Euro beim "König der Weine" berichtet, aber das zitierte Angebot ist mit einem solchen Fasspreis wahrscheinlich nicht einmal darstellbar, rechnet man Flasche, Ausstattung, Versand, die verschiedenen Gewinnmargen und Steuern etc. hinzu.

Was mich an dem Angebot vor allem ärgerte, waren drei Dinge: Zum einen, dass sich ein renommierter Fachhändler dazu hergibt, einen Wein von der "Statur" des Barolo auf diese Weise zu verramschen. Wie gesagt, es ging hier nicht um ein Angebot von Aldi oder Lidl, sondern um Weine, die von einem Italienspezialisten importiert und über Fachhandel und Gastronomie vertrieben wurden. Liebe italienische Winzer: Wenn das Eure Geschäftspartner in Deutschland sind, dann zieht Euch warm an! Für die Dummheit einer solchen Operation, die vielleicht kurzfristig ein wenig Umsatz bringt, aber langfristig die gesamte Preispositionierung - und damit auch das Geschäft - versaut, habe ich schlicht keine Worte.

Zum zweiten hat mich, nach kurzer Recherche, auch die unlautere Werbung aufgeregt, mit der dieser spezielle Wein an den Mann oder die Frau gebracht werden sollte. "Hervorragender Barolo zum sensationellen Preis. Robert Parker vergibt 93 Punkte für den fantastischen Weinjahrgang 2006 im Piemont", las ich in einem Internet-Shop. Hier wird mit einer Punkteskala operiert, die quasi automatisch beim Leser - und Kunden - die Assoziation hervorruft, der angebotene Wein sei von Parker mit 93 Punkten bewertet worden. Aber dem ist natürlich nicht so: Wie gut dieser Wein tatsächlich ist, ein Wein, der aller Wahrscheinlichkeit aus zusammengekaufter Fassware gemixt wurde, das geht aus der Jahrgangsbewertung Parkers an keiner Stelle hervor.

Zum dritten ärgert mich das kurze Gedächtnis vieler Protagonisten dieser Szene, die schon vergessen zu haben scheinen, wie fatal die Spirale zu immer billigeren Ramschpreisen im Piemont schon einmal - beim Methanolskandal Mitte der 1980er-Jahre - endete. Die ihre billigen Manöver dann auch noch als "große Erfolge" in die Welt hinausposaunen. Sagen wir es noch einmal ganz deutlich: Wer so massiv und unverschämt an der Preisschraube dreht, wird sich dafür verantworten müssen, wenn demnächst wieder 20 oder 25 Menschen an Methanolvergiftung sterben. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, heißt es, aber gilt das eigentlich auch für Leute, die unter massiver professioneller Demenz leiden?


Wie wahr. Wir oft regen wir

Wie wahr. Wir oft regen wir uns über Dumping verbunden mit "Punkte-Lügen" auf. Das ist faktisch Betrug, "unlauterer Wettbewerb" ist hier noch geschmeichelt. Danke für die Aufklärung.

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