WorldWine Blog

31. Mai 2011

Herr Spanier und das Terroir

von Eckhard Supp - Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Terroirs. So oder so ähnlich könnte man, frei nach Marx und Engels, einen Aufsatz resümieren, den der Rheinhessen-Winzer Hans Oliver Spanier vor einiger Zeit auf Welt online veröffentlichte. Einen Aufsatz, der sich philosophisch und poetisch gibt ("Er kann das Aufscheinen einer Idee im Sinnlichen sein"), aber im Grunde doch nicht über das Niveau durchsichtiger Taschenspielerei hinauskommt.

"Schluss mit dem Terroir!" fordert Spanier gleich in der Überschrift seines Artikels, um dann im Untertitel zu präzisieren: "Ob ein deutscher Wein gut und besonders ist, liegt nicht am Boden, sondern in den Händen des Winzers." Und ist sogleich "in medias res" - zumindest glaubt er das.

Die französische Sprache sei raffiniert und ein wenig verspielt, lernen wir in den ersten Zeilen, und so sei auch der Begriff des "terroir" einer, der "trotz vieler Worte im Vagen" bleibe. Das wiederum habe dazu geführt, dass die Deutschen, als sie begannen, sich für das Konzept des Terroirs zu interessieren, den Begriff gar nicht erst ins Deutsche zu übersetzten, sondern ihn zwar im O-Ton, inhaltlich aber verflacht und sinnentleert adaptierten. Sinnentleert, das heißt für Spanier vor allem, dass ihm die "Leichtigkeit und Lebensfreude" geraubt wurde, die ihm im Französischen anhafte. Denn zum Begriff des Terroirs, so weiß Spanier, gehört "neben der Lage, der Traube und dem Mikroklima auch die gastronomische Kultur der Weinbauregion, die kulinarischen Spezialitäten und schließlich auch der souveräne Stolz der Winzer ....".

 
Berühmte Terroirs der Grande Nation: Pichon-Lalande in Pauillac (Bordeaux) und Romanée-Conti in Vosne-Romanée (Burgund)

Und obwohl dieser Schmonzes nicht viel mit dem französichen Begriff des "terroir" zu tun hat, ist eines an der Aussage richtig: Die Adaptation des "terroir" im Deutschen - übrigens auch im Italienischen, Englischen etc. ist in den letzten Jahrzehnten zumeist einher gegangen mit einer Verarmung und Verflachung seiner Bedeutung. Richtig! Terroir ist mehr als der Boden! Ist auch mehr als die Summe aus Boden, Trauben und Klima! Nur was genau, Herr Spanier, ist Terroir denn?

Terroir ist Natur UND Kultur

Ein französisches Weinmagazin hat den Begriff einmal so definiert: Es ist „die Summe der natürlichen und kulturellen Parameter, die die Identität eines Produkts ausmachen … Es beinhaltet nicht nur geografische, geologische, vegetative und klimatische Aspekte, sondern wird auch von der Art bestimmt, wie der Mensch seine Umgebung wahrnimmt, im Gedächtnis speichert und von Generation zu Generation weitergibt.“ Terroir, besser Terroirgeschmack, Terroircharakter, ist der geschmackliche, im besten Falle unverwechselbare Ausdruck dieser Parameter. In der Sprache des modernen Marketing ist das die USP, die Unique Selling Proposition, die geschmackliche Einzigartigkeit von Weinen eines bestimmten Ortes, einer bestimmten Lage.

Anstatt auf dieser Linie fortzufahren und den Deutschen (Italienern, Engländern etc.) mal kräftig einzuheizen, weil sie den schönen, komplexen - und übrigens gar nicht vagen - französischen Begriff so verstümmelt und verkürzt übernommen haben, macht Herr Spanier nach seinem sprachlichen Exkurs eine 180-Grad-Kehrtwendung und schießt nicht auf die Ignoranten, sondern auf den (französischen) Begriff selbst. Und liefert dabei gleich noch ein paar Wagenladungen Schmonzes: "Mit den unendlichen Möglichkeiten der Weinbereitung, die sich jedem Winzer bieten, drängt er die Lage in den Hintergrund und sich selbst nach vorne. Und ja, freilich war das früher anders ... Deswegen brauchen wir kein Terroir, sondern Menschen. Winzer, die Ideen und Visionen haben, und die bereit sind, diese offensiv zu vertreten."

Erinnern wir uns: "Schluss mit dem Terroir!" hatte Spanier in der Überschrift gefordert. Nicht etwa "Schluss mit den falschen Übersetzungen!", eine Überschrift, die ihm allerdings auch bestimmt nicht die Ehre einer Veröffentlichung auf Welt online eingebracht hätte. Ob er wirklich glaubt, den Taschenspielertrick hätte niemand durchschaut?

Die Idee auf der Wahrnehmungsmembran

Aber es kommt sogar noch dicker! Und zweitens als man denkt, hätte man jetzt fortsetzen müssen. Denn nicht einmal zwei Absätze später, nach noch etwas mehr Schmonzes ("Für einen großen Wein gilt: Er kann das Aufscheinen einer Idee im Sinnlichen sein.") findet der geneigte Leser Erstaunliches: "Die große Kunst des Weinmachens besteht darin, erst einmal eine Idee zu haben. Und dann, sie schmeckbar, erlebbar und möglichst unverfälscht auf die Flasche zu bringen."

Schon einen Satz später erläutert Spanier, an welche Idee er dabei denkt: "Der Winzer beschäftigt sich deshalb Tag für Tag mit seinem Weinberg ... Und irgendwann, nach Jahren dieser äußeren wie inneren Beschäftigung, hat der Winzer einen Geschmack auf der Zunge, wie der Wein aus dieser bestimmten Lage zu schmecken hat. Das unmerkliche und instinktive Verständnis der Lage und ein sich daraus formender sinnlicher Eindruck schieben sich auf der Wahrnehmungsmembran des Winzers ineinander. Der Winzer schmeckt die Lage, bevor er die Trauben überhaupt auf der Kelter hat."

Das verstehe jetzt wirklich, wer will! Was, bitte schön, soll denn der "goût du terroir", der Terroirgeschmack oder Terroircharakter der Franzosen sein, wenn nicht genau das? Der "sinnliche Eindruck (der Lage) ... auf der Wahnehmungsmembran des Winzers ...", vielleicht später auch auf der des Konsumenten und Weinfreunds? Da liefert uns der Herr Spanier aus Rheinhessen eine wunderbare, fast perfekte Definition von Terroir, erzählt uns mit poetischen Worten, wie schön es ist, wenn ein Winzer "nach Jahren" diesen Terroircharakter erkennt und in seinen Weinen zum Ausdruck bringt, und dann fordert er gleichzeitig "Schluss mit dem Terroir"?

Es steht mir nicht an, über Bewusstseinsspaltung bei anderen zu spekulieren, und so kann ich nur vermuten, dass ich selbst zu doof bin, um die gewundenen Gedankengänge des Herrn Spanier nachzuvollziehen. Wollte er uns vielleicht mit dem ganzen Artikel nur sagen, dass viel zu viele seiner (und meiner) Kollegen über Terroir nur schwafeln, ohne zu wissen, was das ist? Dass es eines talentierten Winzers und langjähriger Erfahrung bedarf, um den Terroircharakter in Weinen zur Geltung zu bringen (und wahrzunehmen)? Wenn das so ist, dann rennt Herr Spanier jedenfalls bei mir offene Türen ein.

Warum aber dann die marktschreierische und falsche Überschrift? Die Forderung "Schluss mit dem Terroir"? Offenbar ist unser Herr Spanier, zweifelsohne ein talentierter Winzer, genau dem aufgesessen, was die Winzerschaft (und nicht nur die) uns Journalisten gerne vorwirft: seiner eigenen Sensationslust! Mein Fazit? Schuster bleib bei Deinem Leisten ....


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