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01. September 2011

Montalcino: Droht nach dem Brunellogate jetzt ein Rossogate?

von Eckhard Supp - Na ja, eigentlich war's ja dann doch kein Skandal, sondern nur ein Skandälchen. Jedenfalls ging das große Brunellogate irgendwann aus wie das sprichwörtliche Hornberger Schießen. Ein paar Hektoliter Wein, die deklassiert wurden, um der Staatsanwaltschaft ein wenig Befriedigung zu verschaffen, etwas Politik und Bürokratie im Export nach den USA, und schon herrschte wieder Friede in Montalcino. Nicht lange allerdings, glaubt man den Taliban des reinen Weins, die derzeit wieder auf die Barrikaden steigen, um eine für kommende Woche geplante Änderung der Produktionsvorschriften des Rosso di Montalcino noch in letzter Minute zu verhindern.

Nach dem Gesetz muss Rosso di Montalcino - genau wie sein "großer Bruder" Brunello - reinsortig aus Sangiovesetrauben gekeltert werden, darf aber schon nach deutlich kürzerer Lagerzeit vermarktet werden. Diese kürzere Lagerzeit, etwas laxere Produktionsbestimmungen in Weinberg und Keller sowie die angesichts der enorm aufgeblähten Brunello-Rebflächen (1960 = 65 ha / 2005 = 2.050 ha) verständliche Hoffnung, einen Absatzkanal für den damit generierten Weinsee zu finden, der auch noch deutlich schneller Liquidität in die Kassen spülen könnte, waren auch die wichtigsten Gründe, warum Montalcinos Winzer 1984 diesen Rosso überhaupt kreierten.

Im Gegensatz zu diesem reinen "Gesetzeskonstrukt", das bis heute den Geruch der "Resteverwertung" nicht vollständig ablegen konnte, auf den Märkten deshalb kaum ein eigenständiges Profil entwickelte und sich auch deutlich schlechter als erwartet verkaufte, ist Brunello natürlich unbestreitbar so etwas wie ein "historischer" Wein der Toskana. Der Name tauchte schon vor vielen hundert Jahren in ersten Dokumenten auf, und Clemente Santi selektierte im 19. Jahrhundert die besten Sangiovese-Stöcke aus seinen Weinbergen für seinen "Brunello", den Enkel Ferruccio Biondi-Santi dann 1888 zum ersten Mal füllte und vermarktete. Natürlich, und das muss beim Stand von Wissenschaft und Weinbautechnik im 19. Jahrhundert auch nicht erstaunen, waren die Weinberge der Biondi-Santis nie wirklich zu 100 % reinsortig. Noch heute findet man dort kleine Prozentsätze Canaiolo und / oder Colorino unter den uralten Rebstöcken, was auch niemand bestreitet.

Das hinderte die tapferen Winzer Montalcinos allerdings nicht daran, in den Produktionsbestimmungen des Brunello wie später auch in denen des Rosso, eine unrealistische 100-prozentige Sortenreinheit zu fordern, die sie dann auch in der Folge - ganz die italienische Logik und Stringenz - mehr oder weniger offen missachteten. Dabei wurden dem Brunello nicht nur die erwähnten kleinen Prozentsätze Canaiolo oder Colorino, sondern größere Mengen Merlot, Cabernet oder sogar per Tankwagen herangeschaffter Nero d'Avola beigemischt.

Nun, wie man weiß, flog die ganze Sache auf - über die Hintergründe haben wir hier ... mit Piero Antinori gesprochen - und in einem übermenschlichen Akt der Selbstverleugnung sprachen sich nach dem Skandal 96 % Prozent der Winzer dafür aus, die 100-prozentige gesetzlich geforderte Sortenreinheit beizubehalten. Machten aber gleichzeitig einen, dessen Name fast als Synonym für Merlot- oder Cabernet-Brunello gehandelt wurde, zu ihrem Präsidenten: Ezio Rivella, vormals Chef der Großkellerei Castello Banfi und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des italienischen Weinbaus.

Blick von Montalcino auf die nördlichen Lagen der Gemeinde. Die geologischen und klimatischen Bedingungen der verschiedenen Weinbauzonen sind sehr unterschiedlich, weshalb früher häufig - wie beim Barolo - Verschnitte aus Trauben verschiedener Zonen gekeltert und vermarktet wurden. Die klimatische Bedingungen erlauben nicht in allen Jahren das gleichmäßige Ausreifen des schwierigen Sangiovese. (Foto: E. Supp)

Nachdem der Versuch, die geforderte Sortenreinheit des Brunellos aufzulockern, gescheitert war, erwartete man generell einen Versuch, dies zumindest beim Rosso durchzusetzen. Und so erstaunte es auch niemanden, dass eine Gruppe Erzeuger ein entsprechendes neues Produktionsdisziplinar ausarbeitete, über das kommenden Mittwoch abgestimmt werden soll. Sofort gingen die Schilde wieder hoch, und in italienischen, aber auch in angelsächsischen Print- wie Onlinemedien meldeten sich die Verteidiger des "reinen Rosso" in heftigsten Anschuldigungen zu Wort. Mit dem neuen Vorstoß werde der Rosso seiner Identität und seiner Tradition beraubt, so das wichtigste Argument, es werde sehr viel schwieriger werden, diesen "gepanschten" Rosso in und außerhalb Italiens zu verkaufen.

Dabei vergessen die selbsternannten Rächer des reinen Sangiovese gleich vier Dinge. Erstens, dass es so etwas wie eine Tradition des Rosso gar nicht gibt. Der Wein wurde 1984 nach dem Vorbild des benachbarten Rosso di Montepulciano (Korr., d. Red.) geschaffen und hat sich weder organoleptisch - zu viele unterschiedliche Stile, auch wenn ausnahmsweise wirklich nur Sangiovese verarbeitet wurde - noch unter Marketinggesichtspunkten je eine echte Identität erarbeiten können.

Zweitens gibt es in ganz Italien, von winzigen Ausnahmen einmal abgesehen, überhaupt keine Tradition von reinsortigen Weinen. Auch die Weine von Montalcino waren nie reinsortig, der benachbarte Chianti (Classico) schon gar nicht - der musste (!) früher sogar mit weißen Trauben gemacht werden - und auch die großen Nebbiolos des Piemont enthielten früher gerne eine kleine Dosis Barbera. Drittens: Wenn man per Gesetz einen Wein geschaffen hat, der sich anschließend schlechter verkauft als erwartet, dann muss man an dieser Gesetzgebung etwas ändern. Und viertens, vielleicht am wichtigsten: Typizität und Charakter sind KEINE Synonyme für Sortenreinheit. Sie sind (geschmackliche) Eigenschaften, die von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängen: Böden und Klima, Rebsorten und Weinbergsarbeit, Kelter- und Ausbaumethoden. Nur zusammen bilden sie das, was man gemeinhin Terroir nennt.

Wer nun fordert, ein Rosso di Montalcino müsse zu 100 % aus Sangiovese gekeltert sein, da er sonst keinen Charakter zeigen könne, dem sei ins Stammbuch geschrieben, dass dieser Sangiovese nur unter insgesamt perfekten Bedingungen überhaupt Charakter, Terroir zeigt. Aus schlechten Lagen und in kleinen Jahren zeigt er das genau nicht, und das betrifft vor allem einen Wein, der überhaupt nur mit dem Anspruch kreiert wurde, der "kleine Bruder" eines großen Terroirweins zu sein. Einem solchen Wein aber jetzt mit überzogenen fundamentalistischen Ansprüchen zu kommen, heißt, ihn gänzlich zum Scheitern zu verdammen. Zum Scheitern, nicht in den Köpfen der Puristen und Weinkleriker, sondern auf den Märkten.

Ich persönlich jedenfalls könnte mir sehr gut vorstellen, einen Rosso di Montalcino mit einer Dosis strukturierenden Cabernets, einer Dosis fruchtiger machenden Merlots oder auch nur einer Dosis farbgebenden Colorinos zu trinken. Und wenn man dann noch die puristische Klientel bedienen will, kann man dem Winzer ja die Möglichkeit geben, die Sorte(n) zusätzlich aufs Etikett zu schreiben. Für die Reinheitsfanatiker wäre das dann halt ein Rosso di Montalcino - Sangiovese oder Sangiovese di Montalcino. Aber müsste man dann nicht auch einen Merlot di Montalcino, eine Syrah di Montalcino etc. etc. zulassen? Und es damit den "Großen", denen mit ihren Riesenflächen Merlot, Cabernet oder Syrah, erlauben, den "heiligen" Namen Montalcino für ihre kommerziellen Zwecke zu nutzen?

Genau mit dieser Frage ist die Debatte dann auf den Punkt gebracht. Es geht den Verteidigern des "reinen Rosso" mitnichten um Sangiovese, um Sortenreinheit oder überhaupt um Wein. Es geht ihnen - toskanische Bauernschläue, ick hör' Dir trapsen - einzig und allein darum, den "Großen" immer mal wieder ans Bein pinkeln zu dürfen.

Ist doch schön, wird da mancher Romantiker auch hierzulande sagen, dann werden die kleinen, handwerklich arbeitenden Betriebe mit ihren authentischen Weinen endlich wieder gegenüber den Großen gestärkt! Pustekuchen! Wer die Realität in Montalcino auch nur annähernd kennt, weiß, dass unter den "Kleinen" jede Menge Erzeuger sind, die im Weinberg und im Keller nicht nur mehr Schweinereien anstellen als so mancher der Großen, sondern auch, das viele von ihnen schlichtweg schlechtere, gesichtslosere Weine machen. Ihnen geht es vor allem darum, ein Monopol zu verteidigen: Das Monopol, ihre Plörre unter dem Namen Montalcino vermarkten zu dürfen!

Nachtrag: Wie zur Bestätigung lese ich jetzt auf decanter.com, dass einige der traditionsreichsten Betriebe sich für den Verschnitt mit Merlot & Co. ausgesprochen haben. Darunter auch Il Greppo von Franco Biondi-Santi. Sie sind, wie ich, der Meinung, dass der Verschnitt mit alternativen Rebsorten die Chance böte, einen wirklich guten, marktfähigen Rosso zu keltern - eine Chance, die der schwierige Sangiovese alleine offenbar nicht immer und überall bietet.

Nachtrag vom 7. 9.: Es sieht so aus, als hätten sich die "Bewahrer der Tradition" in der heutigen Abstimmung mit 69,4 % durchgesetzt. Die längst überfällige Änderung der Produktionsvorschriften ist damit zunächst vom Tisch, Alternativen sind nicht in Sicht. Wie die Traditionalisten in Montalcino aus ihrem Rosso doch noch einen wirtschaftlich erfolgreichen Wein machen wollen, bleibt vorerst ihr Geheimnis. Schade eigentlich!


"Der Wein wurde 1984 nach dem

"Der Wein wurde 1984 nach dem Vorbild des benachbarten Rosso di Montalcino geschaffen" – der Rosso di Montalcino wurde nach dem Vorbild des Rosso di Montalcino geschaffen?

Upps! Schon korrigiert. Danke

Upps! Schon korrigiert. Danke Michel ... musst Du auch immer alles so genau lesen :-)

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