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13. September 2012

Österreich: Noch immer kein Licht am Ende des Tunnels?

von Eckhard Supp - Österreichs Weinexport (nicht nur) nach Deutschland braucht offenbar länger, um sich von der Krise zu erholen, als es die optimistischen Einschätzungen der Österreich Wein Marketing (ÖWM) bisher erhoffen ließen. Nach den jetzt vorliegenden Halbjahrszahlen von Statistik Austria (ÖSTAT) und Statistischem Bundesamt (Destatis) sieht es so aus, als solle auch 2012 das Ende des Tunnels noch nicht in Sicht kommen. Dabei unterscheiden sich die Zahlen beider Institutionen wie schon in der Vergangenheit erheblich.

Der jüngste Exportbericht für 2011 und das erste Halbjahr 2012, den wir vor wenigen Tagen von der ÖWM erhielten, liest sich erst einmal wie eine Bestätigung erster Klasse all jener Kritikpunkte, die Mario Scheuermann (z. B.: Immer weniger Wein aus Österreich) und ich selbst seit Juli 2011, d. h. seit deutlich mehr als einem Jahr vertreten haben, und für die wir uns in dieser Zeit alles Mögliche, nur nicht viel Erfreuliches anhören mussten.

Dass die versammelte österreichische Fach- und Publikumspresse in dieser gesamten Zeit, obwohl mehrfach von uns direkt angesprochen und informiert, immer nur schwieg, anstatt selbst zu recherchieren, gereicht ihr dabei im Lichte des jüngsten Berichts aus Wien nicht wirklich zur Ehre. Sonst hätten ihr die Diskrepanzen, die ich am Ende dieses Artikels noch einmal exemplarisch für 2012 aufgelistet habe, selbst auffallen müssen. Aber offenbar gilt auch dort der Leitspruch: "Wes' Brot ich fress, des' Lied ...".

Enorme Mengenverluste auf wichtigen Märkten

Wenn wir jedoch in Bezug auf das Jahr 2011 immer vor allem auf die enormen Verluste der Österreicher auf dem deutschen Markt hingewiesen haben, dann zeigt der aktuelle Bericht noch Erschreckenderes: Denn auch in ihrem zweitwichtigsten Exportmarkt, der Schweiz, verloren sie massiv (- 21 % in der Menge), und selbst auf dem Hoffnungsmarkt USA war die Tendenz leicht rückläufig (- 2 % in der Menge). Die Gründe für diese Rückgänge waren zwar insbesondere in der Schweiz andere als die auf dem deutschen Markt, aber das ändert am Ergebnis erst einmal wenig. Betrachtet man die neun wichtigsten Exportmärkte, so konnten 2011 nur die Niederlande, Schweden, Großbritannien, Finnland und Dänemark in der Menge zulegen, wobei deren Importzahlen teilweise so marginal waren, dass selbst Steigerungsraten von mehr als 75 % (Finnland) den Kohl nicht richtig "fett" machen dürften. Dass die ÖWM angesichts dieser Lage meint, "von strategischer Bedeutung" sei "die Entwicklung von neuen Märkten ... außerhalb der EU, z. B. Russland, China und Singapur", mag zwar abstrakt und theoretisch richtig sein, klingt aber doch stark wie das sprichwörtliche Singen im Walde oder besser im Keller.

Interessant ist, dass der vorliegende Halbjahresbericht für 2011 immer noch auf den Zahlen von Statistik Austria basiert, dass aber für das laufende Jahr praktisch nur noch die um Reexporte bereinigten des deutschen Statistischen Bundesamtes herangezogen werden, wie wir es in unseren Betrachtungen bereits seit einem Jahr taten. Und das, obwohl die ÖSTAT-Zahlen für 1-6/2012 inzwischen durchaus vorliegen. Dabei muss klar sein, dass, wenn die Zahlen in Richtung Deutschland nicht stimmten, auch die Gesamt-Exportzahlen für 2011 nicht gestimmt haben können, wie ich bereits im März schrieb*, was man aber in Wien offenbar immer noch nicht so sehen zu wollen scheint.

Wenig Erfreuliches in den Zahlen

Wobei schon die ÖSTAT-Zahlen selbst nicht unbedingt erfreulich wirken. Das gilt auch und vor allem für die von der ÖWM als strategisches Ziel postulierte Steigerung des Durchschnittspreises pro Liter, der angesichts der dramatischen Mengeneinbrüche die Bilanz wenigstens einigermaßen erfreulich aussehen lassen soll. Nehmen wir ausnahmsweise einmal die Schweiz anstelle von Deutschland als Beispiel. Hier lag der Durchschnittspreis 2006 (damals dürften die ÖSTAT-Zahlen noch deutlich näher an den Realitäten gelegen haben, da das Phänomen der Reexporte nicht die heutigen Dimensionen erreicht hatte) für Fass- und Flaschenware bei 7,27 EUR. In den Folgejahren sank er auf 6,07, dann auf 5,35 und schließlich auf 4,45 ab, um bis 2011 wieder (bei gleichzeitig stark gesunkenen Mengen) auf 6,21 EUR anzusteigen. Eine Erfolgsgeschichte? Mitnichten!

Auf dem deutschen Markt stieg der Durchschnittspreis für österreichischen Wein nach ÖSTAT im gleichen Zeitraum tatsächlich deutlich an: von 1,26 auf 2,20 EUR. Der größte Preissprung (von 1,60 auf 2,20 EUR) erfolgte dabei 2011 und ist zuallererst eine logische statistische Folge des Wegbrechens der vergleichsweise billigen Fassweinexporte. Für die ersten sechs Monate des laufenden Jahres deuten die ÖSTAT-Zahlen wieder einen sinkenden Durchschnittspreis (- 0,7 %) an, der aber wenig Bedeutung hat, da er 1. wiederum eine statistische Folge der erneut angestiegenen Fassweinexporte ist und 2. auch der Preisentwicklung bei den Reexporten geschuldet sein könnte. Destatis weist hier korrekterweise eine durchaus erfreulichere Tendenz aus (+ 4,4 %). Diese Tendenz ist besonders bei Flaschenware (+ 9 %, auf einen Durchschnittspreis von 2,56 EUR) ausgeprägt, etwas weniger bei Fasswein (+ 5,6 %, auf 1,1 EUR/l).

Das erste Halbjahr 2012

Aber auch hier geht, wie in der Schweiz, der höhere Durchschnittspreis ganz eindeutig auf Kosten der Mengen. Deutschland hat auch von Januar bis Juni 2012 noch einmal weniger Flaschenware importiert (- 7,7 %) als 2011, ein Jahr, in dem der Flaschenexport bereits dramatisch zusammengebrochen war (- 31,4 % gegenüber 2010 für den Vergleichszeitraum). Eine Erfolgsgeschichte? Eine Erholung der Situation? Mitnichten.

Merkwürdigerweise ist gerade das Weinsegment, über dessen Verschwinden die ÖWM sich in den letzten Monaten zu freuen schien ("strategisches Ziel"), in der ersten Jahreshälfte 2012 wieder stark im Kommen. Während der Flaschenweinexport weiter zurückging (s. o.) legten die Ausfuhren im Fass deutlich zu: um 29,7 % gegenüber 2011 nach Destatis und sogar um 45,3 % nach ÖSTAT. Dass auch der relative Wert der Fassware dabei leicht anstieg (von 1,05 auf 1,11 EUR laut Destatis, von 0,99 auf 1,08 EUR laut ÖSTAT), mag die Entwicklung etwas weniger schmerzhaft machen, richtig positiv wird sie dadurch noch lange nicht.

Was bei alldem bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass die ÖWM trotz der Diskussionen des letzten Jahres immer wieder in die alten Erklärungsmuster verfällt. Waren schon vor einem Jahr die mengenschwachen Jahrgänge an der Entwicklung schuld - Mario Scheuermann und ich haben nachgewiesen, dass die Entwicklung in Wahrheit bereits begann, BEVOR diese mengenschwachen Jahrgänge eingebracht waren, und dass die Lagerbestände in Österreich zum gleichen Zeitpunkt immer noch auf recht konsistentem Niveau lagen -, so ist diesmal der erwartete mengenschwache Jahrgang 2012 schuld ("Nach den stark dezimierten Erntehoffnungen für 2012 dürfte dieser Wert jedoch deutich verfehlt werden", so der bereits zitierte Halbjahresbericht), obwohl auch der noch gar nicht (definitiv) eingebracht ist und mit Sicherheit die Exportzahlen von Januar bis Juni NICHT beeinflusst hat. (Nachtrag: Zu den Ernteerwartungen 2012 habe ich noch einmal bei der ÖWM selbst nachgeschlagen. Da hieß es noch vor weniger als 3 Wochen: "Aufgrund gravierender Naturereignisse, wie Winterfrost, Spätfrost und massiver Hagelschläge in allen Weinbaugebieten erwarten wir heuer mengenmäßig eine etwas unter dem Durchschnitt liegende Weinernte zwischen 2 und 2,2 Millionen Hektoliter." NB: eine ETWAS unter dem Durchschnitt liegende Ernte!)

Summa summarum: Österreichs Weinexport ist und bleibt in schwierigem Fahrwasser. Daran ändern weder die Erklärungsversuche noch die perspektivischen Deutungen ("strategisches Ziel") der ÖWM etwas. Positiv können wir immerhin festhalten, dass die ÖWM sich in ihrer Kommunikation inzwischen AUCH der realitätsnäheren Zahlen von Destatis bedient. Negativ, dass dies offenbar nicht einhergeht mit einer selbstkritischeren, offeneren Haltung. Fortsetzung folgt ... mit ziemlich großer Sicherheit.

 

 
 
 
2011
2012
Veränderung
Gesamtexport
 Destatis
Wert
25431
26530
4,3 %
 
 
Menge
12192,4
12184,8
-0,1 %
 
 
Wert/l
2,09
2,18
4,4 %
 
 Östat
Wert
34095
37089
8,8 %
 
 
Menge
16158,6
17705,2
9,6 %
 
 
Wert/l
2,11
2,09
-0,7 %
 
 
 
 
 
 
Flaschenware
 Destatis
Wert
22819
22954
0,6 %
&Schaumwein
Menge
9699,4
8952,4
-7,7 %
 
 
Wert/l
2,35
2,56
9,0 %
 
 Östat
Wert
31900
33606
5,3 %
 
 
Menge
13939
14480
3,9 %
 
 
Wert/l
2,29
2,32
1,4 %
 
 
 
 
 
 
Fassware
 Destatis
Wert
2612
3576
36,9 %
 
 
Menge
2493
3232,4
29,7 %
 
 
Wert/l
1,05
1,11
5,6 %
 
 Östat
Wert
2195
3483
58,7 %
 
 
Menge
2219,6
3225,2
45,3 %
 
 
Wert/l
0,99
1,08
9,2 %
Menge = 1.000 l/kg
Wert = 1.000 EUR
 
 
 
* "Die DESTATIS-Zahlen sprechen nämlich auch, wie ich nachgewiesen habe, hinsichtlich der Umsätze eine klare Sprache: Nach ihnen ergibt sich beim Export österreichischer Weine kein Gesamtumsatz von 126, sondern nur von ca. 103 Mio. EUR, und dieser Betrag liegt, glaubt man den diesbezüglichen Angaben der ÖWM, noch einmal ERHEBLICH UNTER den pessimistischen Annahmen des österreichischen Weinbaupräsidenten Josef Pleil, der noch Ende 2010 nur von einem Gesamtumsatz von 110 Mio. EUR für das Gesamtjahr 2011 ausgegangen war." und: "Aber die Taktik der ÖWM, nach eigenem Gusto mal das eine, mal das andere Zahlenwerk für die eigene Beweisführung heranzuziehen, ist nachgerade kindisch."

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