WorldWine Blog

11. August 2011

Rheinland-Pfalz: Weinwerbung für den Mülleimer

von Eckhard Supp - In die Hände gefallen war mir das "Zeit Magazin" mit der vierseitigen Anzeige schon im Urlaub. Und irgendwo, auf einem Blog oder in einem der Social Networks hatte ich auch ein paar hämische Bemerkungen dazu gelesen, das Ganze aber nicht allzu Ernst genommen ... bis ich jetzt Zeit hatte, mir die neueste Weinwerbung der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH einmal etwas genauer anzusehen.

"WeinReich Rheinland Pfalz - Freude für Geist und Gaumen" ist das Konvolut überschrieben, und in ihm werden fein säuberlich Nahe, Ahr und Rheinhessen "abgehandelt" - Mosel und Mittelrhein bleiben außen vor, die Pfalz hat noch ein kleines Eckchen "ergattern" können. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine merklich dümmere Anzeige für Weinbaugebiete und ihre Weine habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Wer "Freude für Geist ..." verspricht, und dies noch dazu den Lesern der "Zeit", der müsste in der Lage sein, auch ein wenig Geist zu versprühen ... sollte man jedenfalls annehmen. Der Esprit, der in der WeinReich-Anzeige versprüht wird, liest sich ungefähr so: "Der Reichtum an gutem Wein ist sprichwörtlich, denn ...", und nur wenig weiter: "Hier liegen Weinberge, die in der ganzen Welt bekannt sind und seit vielen Jahren die deutsche Weinkultur prägen." Also - die Weinberge prägen die Kultur? Und da dachte ich Tor, Kultur würde von Menschen gemacht und geprägt. Das Weinberge im übertragenen Sinne vielleicht den Nährboden für Weinkultur bilden können, will ich mir gerne noch einreden lassen, aber sie prägen? Und warum ist der Reichtum an guten Weinen in Rheinland-Pfalz nur "sprichwörtlich"? Welches Sprichwort ist da, bitte schön, gemeint? Und warum ist der Reichtum nicht faktisch, nur sprichwörtlich.

Rebstöcke auf der Wanderung

In diesem Stil geht es dann weiter. Da "wirkt das mediterrane Klima nicht nur positiv auf die liebenswerte Art der Pfälzer" - diesen Zusammenhang muss mir mal jemand wissenschaftlich belegen -, sondern die "Rebstöcke ... folgen ... (auch) der ... Deutschen Weinstraße ...". Da brauchen die Rebstöcke bestimmt gutes Schuhwerk, und hätten die WeinReich-Dichter sich hier an die Rebzeilen statt an die Rebstöcke gehalten, wäre vielleicht sogar ein Schuh daraus geworden, obwohl die Rebzeilen sicher oft genug senkrecht zum Hang und zur Straße angelegt sind.

Sind es in der Pfalz die Rebstöcke, so spielen an der Ahr "edle Rotweine, eine exzellente Küche und eine bemerkenswerte Landschaft eine tragende Rolle". Was die drei genau tragen, verschweigt uns der Text leider, aber vielleicht ist ja wieder die Weinkultur gemeint, die jetzt nicht nur nicht von Menschen geprägt, sondern nicht einmal von ihnen getragen wird. Trauriges Land, dieses Rheinland-Pfalz.

Wein, so weiß jeder, der sich mit dem Göttergetränk ein wenig beschäftigt, ist ein Produkt, das beim Konsumenten emotional besetzt und in recht hohem Maße an Personen (Winzer, Weinmacher, Weinhändler, vielleicht auch die Person des Empfehlenden) gebunden ist - mehr jedenfalls als die meisten anderen Produkte.

Emotionen und Persönlichkeiten

Emotionen ruft der dröge Text dieser Anzeige im noch drögeren Layout und mit den zum Gähnen langweiligen Fotos - bei den dunklen Wolken über dem rheinhessischen Weinberg möchte man schleunigst in die nächste Wirtschaft flüchten - nun allerdings bestimmt nicht hervor. Auch die Menschen, die hinter den Weinen von Ahr, Rheinhessen oder Pfalz stehen, kommen in der Anzeige nicht vor - sieht man einmal vom Gastronomen Steinheuer im Ahrtal ab.

Auch inhaltlich interessante oder nutzbare Informationen liefert die Anzeige praktisch nicht. Es sei denn, man wollte den Infokasten zum Rheinhessen-Artikel ("Weinreise durch ein endloses Rebenmeer" - das macht richtig Lust auf den Wein) als solche betrachten, in dem der Leser aufgeklärt wird, dass er "ausgiebige Radtouren durch die Region ... am besten mit dem E-Bike" unternimmt. Damit aber schrammt sie nicht nur meilenweit an der - vielleicht - inhaltlich und stilistisch (s. den Anfang des Textes) anspruchsvollen Leserschaft der Zeit vorbei, sondern auch gleich noch an (fast) jeder denkbaren Leserschaft anderer Printmedien.

Ich versuche jetzt schon eine ganze Weile, den Gedanken, was solche Großanzeigen in  Medien wie der "Zeit" kosten, zu verdrängen. Und zwar ganz einfach, weil ich sonst vermutlich bereits am Anfang dieses Artikels explodiert wäre. Da werden mit den dümmsten aller möglichen Aktivitäten Tausende, wenn nicht Hunderttausende verschleudert, die einem wirklich sinnvollen Wein- und Tourismusmarketing anschließend fehlen. Mein Fazit: Wenn das deutsche Weinkultur sein sollte, müssten wir uns nicht wundern, wenn der Rest der Welt am deutschen Wesen nicht so richtig genesen wollte.


Habe die Anzeige leider nicht

Habe die Anzeige leider nicht gesehen. Du schilderst es aber sehr detailliert, so dass ich eine konkrete Vorstellung habe. Insofern, teile ich deine Meinung. Aber, Weinwerbung in Deutschland ist doch in der Regel immer recht bieder bis albern, oder?

Wird wohl schon so sein, aber

Wird wohl schon so sein, aber ab und an geht einem halt der Hut hoch. Und gelegentlich muss man das auch sagen, sonst denkt letztendlich alle (Wein)Welt, das gehöre sich so ....

Da hast du meine volle

Da hast du meine volle Zustimmung. Mir gefällt die Direktheit, man krepiert ja sonst auch...

In der Tat, ich hab es auch

In der Tat, ich hab es auch gelesen. Der gesamte Text erinnerte mich an meine Schulaufsätze, wenn ich was zu einem Thema absondern musste, auf dass ich mich nicht vorbereitet hatte.

solange dafür kein Geld aus

solange dafür kein Geld aus dem Deutschen Weinfonds verwendet wird, ist doch alles in Ordnung. Meinetwegen kann die Privatwirtschaft sehr gerner mit solcher anspruchsloser Werbung versuchen, ihr Geld zu verdienen. Denn sicherlich gibt es auch ein paar, die sich dadurch vom Weintourismus angesprochen fühlen und nach RLP kommen. Solange die Werbung nicht kontraproduktiv ist (und das war sie nun auch nicht), ist doch alles ok. Wie gesagt - Hauptsache das DWI verzapft nicht solche Doppelseiten.

@Katharina Das finde ich, mit

@Katharina Das finde ich, mit Verlaub, ein wenig zu kurzsichtig. Die Gelder der Tourismus-Werbung werden genauso "öffentlich" zusammengekratzt wie die des Weinfonds. Und übrigens, woher stammen die Gelder des Weinfonds denn, wenn nicht von der "Privatwirtschaft". Oder sind Weinerzeuger jetzt plötzlich keine privatwirtschaftlichen Betriebe mehr?
Der Punkt in meinem Blogpost war auch nicht, wessen Gelder da evtl. verschleudert werden, sondern dass Gelder verschleudert werden. Gelder, mit denen man durchaus sinnvoll hätte Werbung treiben können. Und zu behaupten, der deutsche Weinbau hätte gar keine Werbung nötig, es sei also egal, dass Gelder nicht sinnvoll ausgegeben, sondern zum Fenster rausgeworfen werden, möchte doch wohl auch niemand. Odddrrr?

Konstruktive Kritik finde ich

Konstruktive Kritik finde ich grundsätzlich gut. Allerdings finde ich diese nicht unbedingt angebracht. Ich gehöre auch zu den ZEIT-Lesern und klassische Anzeigen überlese ich in der Regel. Dieses Advertorial hat meine Neugier geweckt auf mehr.... und das scheint doch letztendlich der Auftraggeber mit diesem Beitrag bezweckt zu haben.
Habe schon weniger "geistvolles" gelesen, und zwar von Leuten geschrieben, die meinen sie könnten schreiben.
Alles in allem - ich kann die Aufregung nicht nachvollziehen.

Hallo Udo, ich empfehle,

Hallo Udo, ich empfehle, erst den zu Beitrag zu lesen, bevor Du Dich einer Meinung anschließt und ins gleiche Horn bläst!!!!! Das wäre objektiver und auch fairer.

... und es geht auch anders!

... und es geht auch anders! Wein als Emotion! Wein IST Emotion, das vergessen nur allzu oft die, die ihn verkaufen oder für ihn werben: http://www.youtube.com/watch?v=fIp0r9epjaQ

...ich kann diese Diskussion

...ich kann diese Diskussion nicht verstehen. Als Genussweintrinkerin aus dem Volke finde ich die Anzeige sehr ansprechend, vor allem die Infos zu den Weinregionen. Folgen die Infos zu Mosel und Mittelrhein noch, die habe ich vermisst???

Ich fand den Tipp mit den

Ich fand den Tipp mit den E-Bikes echt hilfreich! Ich hab ihn mal an meine Eltern weitergegeben....mein Vater freut sich schon auf die Fahrt mit Rückenwind!

der Beitrag ist echt klasse

der Beitrag ist echt klasse

Bin echt begeistert, wie

Bin echt begeistert, wie viele Weintrinker "aus dem Volke" auf einmal ENO WorldWine lesen und sogar heftigst mitdiskutieren. Oder sollten hinter diesen zeitlich so gut zueinander passenden Kommentaren vielleicht gar keine Weintrinker "aus dem Volke" stecken? Leider haben wir den einen oder anderen Kommentar nicht freischalten können, weil er anonym (als "Gast") abgeben wurde.

Schon mal dran gedacht, dass

Schon mal dran gedacht, dass die Anzeige vielleicht gar keine "Weinwerbung" war, sondern eher die Weinregionen in Rheinland-Pfalz als Tourismus-Ziele vermarkten sollte? Absender war ja wohl auch die Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH und die vermarkten keinen Wein, sondern Tourismus Destinationen.