WorldWine Blog

23. August 2011

Streit am Kap: Vergangenheit holt Weinindustrie ein

von Eckhard Supp - Südafrikas Weinwelt erlebt derzeit ein politisches Erdbeben, das die Exportbemühungen des Landes auf Dauer beeinträchtigen könnte. Auslöser war ein Bericht der internationalen NGO Human Rights Watch (HRW), der jetzt der Presse vorgestellt und in südafrikanischen wie angelsächsischen Medien ausführlich dargestellt und kommentiert wurde. Das Verdikt des Berichts: Südafrikas Weinwirtschaft macht einen Großteil ihres Profits noch immer auf dem Rücken ausgebeuteter Schwarzen und Coloureds, die teilweise unter unzumutbaren Bedingungen arbeiten müssen - auf einigen der wichtigen Exportmärkte des Landes wie USA, Schweden oder Großbritannien sicherlich ein Totschlagsargument für die Konkurrenz.

Zu den Missständen, die HRW in dem Bericht mit dem Titel "Ripe with Abuse: Human Rights Conditions in South Africa’s Fruit and Wine Industries" aufzählt, gehören unzumutbare Unterbringung - es wird von einer Familie berichtet, der ein ehemaliger Schweinestall zugewiesen wurde -, Landvertreibung, Schikanen durch die - meist weißen - Besitzer der Farmen, Verweigerung von Trinkwasser, Toiletten oder Waschgelegenheiten am Arbeitsplatz, Behinderung der gewerkschaftlichen Organisation u. v. m.

Dabei, und das wird auch in vielen der Presseveröffentlichungen betont, die den Bericht aufgriffen, spricht HRW bei den meisten dieser Misstände sehr korrekt von Einzelfällen: "Housing or some workers is claimed to be uninhabitable ...", "In one case ..." oder "The majority of ... workers interviewed ...", heißt es da, und bei einigen Punkten gesteht HRW sogar substanzielle Verbesserungen gegenüber der Vergangenheit zu: "For centuries, workers were paid partly in alcohol in the so-called "dop" system ... HRW found these payments had generally disappeared, although it did document two farms that provide wine as partial compensation."

 


 

  

In der Kapregion, 1978 bis heute: Alles ist anders, aber es bleibt noch viel zu tun! Ich selbst durfte mehr als eineinhalb Jahrzehnte nicht in Südafrika einreisen - der Grund waren die S/W-Fotos, von denen ich hier... noch einmal einige zusammengetragen habe. (Fotos: E. Supp)

So weit, so gut, oder besser, so schlecht. Mit ein wenig Geschick hätte die südafrikanische Weinindustrie also keine Mühe damit haben sollen, die Sache offensiv zu behandeln: "Wir wissen, dass nicht alles zum Besten bestellt ist, dass es immer noch viele schwarze Schafe gibt. Nennt uns die Namen, und wir werden alles daransetzen, dass sie ihr Verhalten ändern oder aus der Weinindustrie verschwinden", hätte eine mögliche Antwort lauten können.

Aber weit gefehlt. Statt den Vorwürfen schlicht den Wind aus den Segeln zu nehmen, attackiert Wosa, die Exportorganisation der Weinerzeuger, in einer heute verbreiteten Erklärung frontal. Die Untersuchung von HRW basiere auf einer "fragwürdigen Auswahl von Interviewpartnern", deren Aussagen nicht "von unabhängiger Stelle verifiziert" seien. Daher sei es "extrem schwierig, auf die einzelnen Unterstellungen der Studie zu antworten".

Unbeholfener und unbedarfter geht es fast nicht mehr. Dass die Aussagen ihrer Interviewpartner repräsentativ seien, hat HRW wohl nie behauptet, und die oben zitierten Textstellen ließen eine solche Behauptung auch schwerlich glaubhaft erscheinen.

Nur: Wer behauptet, dass die Kritikpunkte seiner Gegner NICHT repräsentativ seien, der muss zumindest das beweisen. Aber Wosa will und kann natürlich genau das nicht leisten. Zwar werden verschiedene Anstrengungen (Ethikcodes, Fairtrade etc.) zitiert, mit Hilfe derer (auch) das Schicksal der Farmarbeiter verbessert werden soll. Mit keinem Wort aber zeigt Wosa, dass diese Aspekte repräsentativer sind als die Kritikpunkte von HRW. Eine einzige quantitative Aussage wird bezüglich WIETA, einer Art Ethikkommission der Weinindustrie" getroffen (".. membership of the organisation this year, was um 29 % on 2010 ..."), wobei diese Aussage schon deshalb insignifikant bleibt, weil die Ausgangsmenge von 2010 unerwähnt bleibt. 29 % von, sagen wir, 5 oder 10 wären immer noch ziemlich wenige, einmal ganz abgesehen davon, dass selbst diese Zahl immer nur aussagekräftig wäre, wenn man sie mit der Gesamtzahl der Weinerzeuger des Landes in Bezug setzen würde.

Wosa reklamiert, dass die Weinindustrie Unterkünfte für 200.000 Farmarbeiter geschaffen wurden, erläutert dem unbefangenen Betrachter aber mit keinem Wort, ob es sich dabei um Hütten oder Paläste handelt. Ebenfalls mit keinem Wort geht man auf den Vorwurf ein, dass zwischen 1994 und 2004 ganze Völkerscharen von den Weinfarmen vertrieben wurden. Schon gar nicht äußert man sich zu den von HRW vorgebrachten Einzelfällen (sic!).

Es tut fast schon weh, aber ausgerechnet in diesem kritischen Moment stammt der einzige wirklich vernünftige Kommentar, den ich in südafrikanischen Medien lesen konnte, vom selbsternannten Chefpolemiker gegen Wosa, Neil Pendock, dessen sonstige Beiträge eher etwas Querulantenhaftes haben. Pendock stellt die richtigen Fragen und gibt die richtigen Antworten: "Are the allegations of HRW true? Probably. Do they represent the status quo on SA wine farms? Certainly not." Genau das zu belegen, wäre Aufgabe der Wosa gewesen.

Pendock, nicht Wosa, verweist in seinem Beitrag auch auf ein Beispiel, wie man mit der traurigen Apartheid-Vergangenheit der südafrikanischen Landwirtschaft offensiv umgehen kann. Es ist das Weingut von Mark Solms und Richard Astor, Solms Delta, in Franschhoek, dessen Eigner nicht nur ein Drittel ihres Besitzes an ihre (schwarze) Belegschaft überschrieben sondern dort auch ein Museum eingerichtet haben, in dem Rassismus und Sklaverei dokumentiert werden. 30.000 Besucher haben, glaubt man einem Bericht von Südafrikas "The Globe And Mail", dieses Museum im vergangenen Jahr besucht, aber auf viel Gegenliebe bei ihren Winzerkollegen stoßen Solms und Astor deshalb trotzdem nicht. "They think I'm spoiling the party", kommentiert Solms seine Rolle als Nestbeschmutzer, "They don't want to know about slavery and apartheid." Unser Fazit: Das Kap der Guten Hoffnung ist wohl immer noch ein Stück weit das Kap der guten HOFFNUNG! Es gbt noch viel zu tun!


Ich habe inzwischen die ganze

Ich habe inzwischen die ganze Studie gelesen. Diese ist einerseits differenzierter als die Kurzfassung und das summary auf dem die Pressemitteilung basiert, andererseits gibt es darin soviel Ungereimtheiten, ungenaue Quellenangaben und vor allem sehr verwirrende und nicht oder nur schwer überprüfbare Zahlen. Ich versuche jetzt seit einem Tag Licht in diese dunkle Grauzone und Ordnung in diesen Wirrwarr zu bekommen. Vorher möchte ich mich nicht konkret dazu äussern. Nur so viel: ich habe den dringenden Verdacht, dass hier mit falschen Karten gespielt wird und man wirklich untersucht hat. sondern nur nach Belegen für eine vorgefasste Thesae gesucht hat und nach dem man diese nicht in ausreichendem Masse finden konnte, hat man einfach die Etiketten vertauscht.

Ich hatte schon bei der

Ich hatte schon bei der Lektüre der ersten Artikel über die Studie, den Eindruck, dass es sich da gar nicht um eine wirkliche wissenschaftliche Studie handelt, sondern eher um eine Art Reportage - mit dem entsprechenden Gepäck an Vorurteilen und Hypothesen. Das große Versäumnis von HRW ist, dass man - im verständlichen Bemühen, die Quellen zu schützen -, keinerlei Möglichkeit des Verifizierens vorgesehen und damit die eigenen Aussagen sehr angreifbar gemacht hat. Es hätte gereicht, die Namen der Betroffenen ("Opfer" und "Täter") notariell zu hinterlegen. Mir ging es allerdings in meinem post eher um die unglückliche Reaktion, die für mich viel zu defensiv war und wirkte, als habe sich da wirklich jemand in die Enge gedrängt gefühlt.

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