WorldWine Blog

10. Juni 2011

US-Studie: Klimawandel nicht schuld am höheren Alkoholgehalt von Wein

von Eckhard Supp - Moden sind ja (manchmal) etwas Schönes, aber häufig gehen sie einem auch nur schrecklich auf die Nerven. Dass Weine mit hohem Alkoholgehalt immer fett, plump oder marmeladig sein müssen, gehört zu den immer wieder gern geäußerten und gehörten aber nichtsdestoweniger grundfalschen Mode-Statements unserer Zeit. Ich erinnere mich an einen Besuch mit Amarone-Erzeugern bei einem der renommiertesten Moselwinzer, der beim Probieren eines Weins mit mehr als 15,5 Vol.-% Alkohol erstaunt feststellte, wie elegant und feingliedrig der schmeckte - trotz des hohen Alkoholgehalts. Und ich konnte dasselbe gerade wieder mit einer Flasche Shiraz des australischen Kultweinguts Jasper Hill Vineyard (1998er Shiraz - Cabernet franc Emily's Paddock) feststellen, der ebenfalls 15,5 Vol.-% Alkohol aufwies, aber ganz erstaunliche Finesse zeigte.

Richtig dubios werden solche Vorurteile, wenn die Ursachen für den hohe bzw. steigene Alkoholkonzentrationen zur Sprache kommen. Da ist - wieder so ein Modethema - meist schnell der Klimawandel als Schuldiger ausgemacht, und da dieser Wandel natürlich nicht (ausschließlich) vom Weinbau versursacht wird, ist man als Winzer und Weinmacher fein aus dem Schneider. Es wird halt immer heißer, deshalb werden die Weine immer dicker und fetter, so die gängige Floskel, mit der man sich in das scheinbar unvermeidliche Desaster schickt.

Modernes Trugbild

Dass diese Aussage genauso falsch ist, wie das Urteil, alle Weine mit hohem Alkoholgehalt seien fett und plump, haben jetzt amerikanische Wissenschaftler aufgezeigt. In einer Analyse von Klimadaten der letzten (fast) 20 Jahre und einem Vergleich mit dem Alkoholgehalt von 129.123 Weinen (davon ca. 91.000 für die Statistik verwertbar) aus zahlreichen Weinbauländern der Welt, konnten sie nachweisen, dass die so gerne postulierte Kausalkette "Klimaerwärmung führt zu hohem Alkoholgehalt" eine Chimäre ist, ein Trugbild, das mit der Wirklichkeit nichts oder zumindest nicht viel zu tun hat.

Wahr ist, dass die Temperaturen im Untersuchungszeitraum 1992 - 2009 (18 Jahre) nur um durchschnittlich ca. 0,09 % im Jahr stiegen, während der Alkoholgehalt um 0,23 % pro Jahr (bei einem weltweiten durchschnittlichen Ausgangsniveau von 12,65 Vol.-% im Jahr 2992) anstieg. Betrachtet man die Trendwachstumsrate (langjähriger Durchschnitt), so ist der Unterschied noch markanter - da stieg der Alkoholgehalt um 0,53 %, die Temperatur nur um 0,11 %.

Ginge der steigende Alkoholgehalt vollständig oder auch nur zum großen Teil auf das Konto der Klimaerwärmung, so müsste es heute weltweit durchschnittlich 6,7 Grad wärmer sein als Anfang der 1990er Jahre, so die Forschergruppe der University of California, Davis, in ihrem Bericht. Bemerkenswert ist, dass der Alkoholgehalt in allen Weinbauländern deutlich anstieg - besonders markant in Spanien, Portugal, Chile und Südafrika -, und zwar auch dort wo die Temperaturen mehr oder weniger stabil blieben. In Portugal beispielsweise ging der Wärmeindex, den die Forscher aus den durchschnittlichen Tages- und Nachtemperaturen in der Vegetationsperiode der Rebe errechneten, sogar um 0,01 % jährlich zurück, und Südafrika, das Land mit dem höchsten Trendwachstum beim Alkohol (0,85 %) weist ein negatives Trendwachstum beim Klima auf (-0,08 %).

Alkoholgehalt und Marketing

Der Alkoholgehalt muss also von anderen Faktoren beeinflusst worden sein, und die Forscher nennen als wesentlichen Parameter den Markt. Tatsächlich geht die Tendenz, immer alkoholreichere Weine zu produzieren auf das Kaufverhalten der Konsumenten zurück, die nach immer geschmacksintensiveren Weinen - vergessen wir nicht, dass Alkohol einer der wichtigsten Geschmacksträger im Wein ist - verlangten. Dies, obwohl viele Kritiker schon seit mehr als einem Jahrzehnt Weine mit niedrigerem Alkohol fordern, obwohl "cool climate viticulture" als Garant für dafür auch in der Neuen Welt quasi zum Qualitätslabel wurde.

Dieser zumindest stillschweigend "geforderte" hohe Alkohol wurde durch eine Reihe von Maßnahmen auf Erzeugerseite erzielt, darunter z. B. immer spätere Lese (relativ zum Reifezeitpunkt) oder Verwendung ergiebigerer Reinzuchthefen etc.

Dass die Erzeuger dabei durchaus eine gesunde Schizophrenie an den Tag legten, verdeutlicht die Tatsache, dass sie den immer höheren Alkoholgehalt in den Flaschen durch immer falschere (niedrigere) Angaben auf den Etiketten zu kompensieren suchten. So darf der tatsächliche Alkoholgehalt in einigen Ländern um ein volles Volumenprozent von der Angabe auf dem Etikett abweichen, in anderen ist es immer noch ein halbes Prozent.


Gibt's zu der Untersuchung

Gibt's zu der Untersuchung eine Quelle? So, wie sich das hier liest, klingt das mathematisch-physikalisch für mich etwas seltsam.

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