WorldWine Blog

02. März 2009

Wein fördert Krebs? – Studie ist Unsinn, sagt US-Forscher

Von Eckhard Supp – Auch die kleinste Menge Alkohol erhöht das Risiko von Frauen, an Krebs zu erkranken, signifikant! Dies der Tenor einer Studie – oder doch besser der Berichterstattung über eine Studie -, die am 25. Februar vom britischen Journal of the National Cancer Institute (JNCI) veröffentlicht wurde. Unter anderem hatte die Studie auch zur radikalen Empfehlung des französischen Gesundheitsministerium, Weinkonsum generell zu ächten, geführt, über die wir hier… berichteten.

Steven Salzberg, der Direktor des Center for Bioinformatics and Computational Biology an der University of Maryland (USA), hat sich die Studie jetzt einmal genauer angeschaut und kommt in einem Beitrag auf seinem Blog Genomics, Evolution and Pseudoscience zu dem überraschenden Ergebnis, dass die genannte Studie alles beweist, nur das nicht! Um seine Argumente zu verstehen, müssen wir uns etwas mit der komplizierten wissenschaftlichen Methodik auseinandersetzen.

Salzberg benennt in seiner Kritik zwei Hauptschwächen der Studie, die bei nüchterner Betrachtung tatsächlich gravierender erscheinen, als deren angebliche Resultate. Er zeigt zunächst, dass die Untersuchungsanordnung nachträglich verfälscht, vielleicht sogar gefälscht wurde. Ursprünglich waren Alkoholkonsum und Krebserkrankungen bei mehr als 1 Mio. Frauen mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren (bei Beginn der Studie) über einen Zeitraum von 7 Jahren untersucht worden. Diese Frauen wurden in fünf Gruppen unterteilt: Nichttrinkerinnen, „leichte“ Trinkerinnen (1-2 Normgläser/Woche), und drei Gruppen von „stärkeren“ Trinkerinnen (3-6, 7-14 Gläser und >14 Gläser).

Methodischer Unsinn

Bei der Auswertung der Statistiken entschieden die Wissenschaftler dann allerdings, die erste Gruppe gänzlich aus der Auswertung auszuschließen. Ihrer Meinung nach hatten einige der „Nichttrinkerinnen“ aus den unterschiedlichsten gesundheitlichen Gründen mit dem Trinken aufgehört und waren von vornherein kränker als die Vergleichsgruppen gewesen - ein dümmliches Argument, das implizit unterstellt, die Gruppe der mehr oder weniger „starken“ Trinkerinnen habe weniger als der statistische Durchschnitt an solchen „anderen“ Gesundheitsproblemen gelitten. Das wäre ja, wenn es denn stimmte, implizit schon ein Argument für (!) einen gesunden (!) Weinkonsum.

Die Briten nutzten deshalb nicht die Gruppe der Nichttrinkerinnen, sondern die der „leichten“ Trinkerinnen als statistische „baseline“ – alle Aussagen über eine erhöhte Krebsgefahr der anderen Gruppen bezogen sich von diesem Moment an also gar nicht auf den Vergleich mit den Nichttrinkerinnen, wie es die großmundigen Artikel der allgemeinen Presse und das französische Gesundheitsministerium wissen wollten, sondern nur auf den der „schwereren“ mit den „leichteren“ Trinkerinnen. Eine Aussage wie die, dass auch geringste Mengen Alkohol schon das Krebsrisiko steigern, ist also schon aus rein methodischen Gründen überhaupt nicht aus der Studie abzuleiten, da der Unterschied im Krebsrisiko zwischen Nicht- und „leichten“ Trinkerinnen gar nicht untersucht (nicht ausgewertet) wurde.

Aber es kommt noch besser! Salzberg las sich nämlich nicht nur die Zusammenfassungen der britischen Studie durch, sondern auch deren detaillierte Zahlenkolonnen. Er fand folgende „unbereinigte“ (im Licht des oben Gesagten) Tabelle des absoluten Krebsrisikos der einzelnen Probandengruppen, die gleich mehrere Überraschungen barg. Hier diese Tabelle:

Absolute cancer risk in the JNCI study

 

drinks/week any cancer (%) breast cancer (%)
0 5.68 2.09
1-2 5.20 2.11
3-6 5.17 2.26
7-14 5.33 2.35
>14 5.99 2.70

 

Es zeigt sich zum einen, dass die Gruppe der „leichten“ Trinkerinnen zwar ein gegenüber den „Nichttrinkerinnen“ marginal erhöhtes Brustkrebsrisiko aufwiesen, dass aber ihre Gesamtkrebsrate niederiger (!) als bei den „Nichttrinkerinnen“ lag! Anders, als es das französische Gesundheitsministerium und die Medien wissen wollten, erhöht also moderater Alkoholkonsum die Gesamtkrebsrate nicht, sondern senkt sie!! Auch die Gesamtkrebsrate der Frauen, die 3 – 6 und 7 – 14 Gläser/Woche tranken, lag niedriger als die der „Nichttrinkerinnen“. Kein Wunder, dass die offenbar sehr „interessiert“ forschenden Briten die Auswertung der „Nichttrinkerinnen“ von der Auswertung nachträglich ausschließen mussten: Sie hätten ihren schönen Hypothesen schlicht den Garaus gemacht.

Lediglich die Gruppe der „stärkeren“ Trinkerinnen wies ein gegenüber den Nichttrinkerinnen leicht (um 0,31 Punkte) erhöhtes Gesamtkrebsrisiko auf. In der Betrachtung der Medien wurde dieses erhöhte Risiko dann allerdings nicht mehr in seiner Marginalität dargestellt, die sich ergibt, wenn man die absoluten Zahlen vergleicht (s. o.), sondern auf das relative (!) Risiko umgerechnet. Das ergibt sich, wenn man die Differenz zwischen Nicht- und stärkeren Trinkerinnen als prozentuale Erhöhung berechnet und liegt dann bei „beeindruckenden“ 5,5 Prozent. Berechnet man diesen relativen (!) Anstieg zwischen der ersten und der dritten Gruppe der „starken“ Trinkerinnen, so erhöht er sich auf gewaltige (!) 15,9 %. Und das ist dann doch mal eine Zahl, mit der man die tumben Medien und Politiker beeindrucken kann!

Selbst der in der Statistik feststellbare Anstieg der Fälle von Brustkreb liest sich in absoluten Zahlen durchaus undramatisch: Er beträgt 0,61 Punkte – gegenüber den 2,09 % Brustkrebsfällen der Nichttrinkerinnen erhöht sich das Risiko bei den starken Trinkerinnen auf 2,7 %. Ernst zu nehmen ist diese Zahl bestimmt, aber sie wäre doch immerhin noch gegenzurechnen gegen die positiven gesundheitlichen Effekte, die Wein erwiesenermaßen auch hat. Und ob da unter dem Strich ein wirkliches Gesundheitsrisiko durch moderaten Weinkonsum übrig bleibt, wage ich doch stark zu bezweifeln.

Mein Fazit: Trau keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hat! Und: Wer diesen Plunder der Briten unkritisch nachgedruckt hat, sollte eigentlich freiwillig seinen Presseausweis abgeben!


Ich würde im Titel nicht „…

Ich würde im Titel nicht „… sagt US-Forscher“ schreiben (weil das ja „nur“ eine Meinungsäußerung wäre), sondern „… weist US-Forscher nach“ oder „… beweist US-Forscher“.

Bravo für diesen Beitrag…

Bravo für diesen Beitrag… Leider wird es schwierig sein den wirklichen Inhalt dieser Studie auch so umfangreich Publik zu machen…

Uff ! der Text ist Weg ! Nach

Uff ! der Text ist Weg !

Nach der Empörung in der Weinbranche will die Gesundheit-Ministerin ihren Text revidieren und umschreiben..

http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2009/03/03/01011-20090303FILWWW00464-v...

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