WorldWine Blog

04. Januar 2011

Wein und Mafia - Nicht nur in Sizilien!

von Eckhard Supp - Dieser Tage wollte ich einer Geschichte nachgehen, von der ich im gerade abgelaufenen Jahr gelesen hatte, und die schon einige Wochen auf meinem "To-do"-Stapel ausgeharrt hatte. Es ging dabei um eine sizilianische Genossenschaft, die Weinberge kultivierte und von ihnen Weine erzeugte, welche zuvor von der italienischen Justiz als Teil von Mafiavermögen beschlagnahmt worden waren. Wein und Mafia? Das konnte doch kaum sein!


Erice in der sizilianischen Provinz Trapani (Fotos: E. Supp)

Mafiöse Phänomene und Strukturen hatte ich in meinen römischen Jahren Ende der 1980er zur Genüge - zum Glück aber aus relativer "Entfernung" - kennengelernt, aber die betrafen nur in den seltensten Fällen die Weinwirtschaft: Der Schock des Methanolskandals hatte ja in dieser Hinsicht immerhin auch positive Auswirkungen gehabt. Was ich dann allerdings bei meiner Recherche zutage förderte, stimmte mich doch sehr nachdenklich.

Von Österreich lernen?

"13. Otober 2010 - Zwei Millionen Liter gepanschter Wein in der Provinz Trapani beschlagnahmt". Mit Frostschutzmittel, so die Internetpublikation www.livesicilia.it, sei ein Teil der enormen Weinmenge "verbessert" worden, die von einer Kellere in Castellammare del Golfo, einer Ortschaft in der Nähe von Alcamo im Westen Siziliens, vermarktet werden sollte. Ein anderer Teil wies weit überhöhte Säurewerte (vielleicht vom künstlichen Ansäuern?) auf.

Offenbar hatten diese sizilianischen Glykol-Winzer das Motto "von Österreich lernen" falsch verstanden - immerhin mit dem Resultat, dass neben ihrem Wein gleich auch noch das gesamte Kelterhaus zugesperrt wurde, da die Abwässer unberührt von jeglicher Abwasseranlage, wie sie heutzutage vorgeschrieben sind, ins öffentliche Kanalnetz geleitet wurden. Fast noch schlimmer als die Panscherei selbst erscheint mir allerdings die Tatsache, dass diese Zustände so lange Zeit niemanden misstrauisch gemacht hatten.

Ebenfalls auf Sizilien, aber mit Protagonisten aus dem Trentino, spielte sich ein Skanal ab, der bereits im Juli aufgedeckt wurde. Um staatliche und europäische Subventionen in Höhe von mehr als 4 Mio. Euro abzukassieren, kauften und verkauften die Eigner der sizilianischen Kellerei Feudo Arancio, den Angaben der Staatsanwälte zufolge, diese an andere Gesellschaften innerhalb desselben Kellerei-Konglomerats, schoben sie also sozusagen aus ihrer linken in die rechte Hosentasche, wofür sie natürlich keine Subventionen hätten erhalten dürfen.

Von Sizilien bis ins Trentino

Um dennoch abkassieren zu können, organisierten sie eine ganze Kette von Verkäufen und Käufen - immer innerhalb derselben Gruppe natürlich. Wie die große Kellerei im Zentrum der Affäre heißt, schreibe ich an dieser Stelle lieber nicht, da man im Trentino bereits angekündigt hat, jeden, der das tut, gerichtlich belangen zu wollen. Und, ehrlich! So weit geht meine Liebe zu Italien nun auch wieder nicht, dass ich mich dafür mit der italienischen Zivilgerichtsbarkeit anlegen würde. Wer will, kann die entsprechenden Namen ohnehin ganz leicht via Google finden.


Olivenhaine in der apulischen Provinz Salento

Was ich mich angesichts dieser und anderer Geschichten frage, ist, warum die italienischen Fachkollegen so wenig über diese Skandale schreiben und sich lieber wochen- und monatelang, in Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Artikeln darüber echauffieren, dass Brunellowinzer ein wenig Merlot oder Nero d'Avola in ihren Wein gekippt hätten.

Entgegen den oberflächlichen Erfolgen - die eine oder andere Festnahme von Mafiabossen wurde auch 2010 in der italienischen Medienlandschaft begeistert gefeiert - sieht es für mich so aus, als schreite die Kriminalisierung der italienischen Gesellschaft zielstrebig weiter voran. Das größte "Verdienst" in dieser Entwicklung kommt zweifelsohne Berlusconi zu, der mit seinen Kreuzzügen gegen Staatsanwälte und Richter, die ihn vor Gericht bringen wollen, mit seinen Sondergesetzen und selbst ausgestellten juristischen Freibriefen dafür gesorgt hat, dass die Tendenz hin zu einem wirklichen Rechtsstaat, auf die man in den 1990er-Jahren noch hoffen konnte, schnell und gründlich ihr Ende gefunden hat.

Mafia ist überall

Ganz unschuldig an diesen Ereignissen in- und außerhalb des Weinbaus ist sicherlich auch die aktuelle Krise nicht, und ich frage mich, ob - wie weiland 1986 - erst wieder Menschen sterben müssen, bevor Italiens Weinwirtschaft, seine Weinpresse und wir als ihre Kunden und besten Abnehmer aufwachen? Wer mit hier den genannten und nicht genannten Weinbaubetrieben und Kellereien Geschäfte machte und noch macht, wird sich dann Fragen nach seinem Teil der Verantwortung stellen lassen müssen. Dass die italienische Gastronomie in Deutschland zum Teil mafiösen Geruch verströmt, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Es wäre aber auch interessant, zu erfahren, ob das auch für Weinerzeuger und ihre Importeure oder Wiederverkäufer hierzulande gilt.

Ach, fast hätte ich es vergessen: Die Genossenschaft, die auf konfiskiertem Mafiabesitz Weinbau treibt, habe ich bei meiner Suche auch aufgespürt. Genauer gesagt, handelt es sich um gleich fünf Genossenschaften mit vorwiegend jungen, jugendlichen Mitgliedern, die sich zur Gruppierung "Libera Terra" zusammengeschlossen haben. Und sie erzeugen nicht nur Wein, sondern eine ganze Reihe, teils biologisch erzeugter, landwirtschaftlicher Produkte.

Libera Terra - Fair Trade at its best

Zu ihr gehören die Genossenschaften Placido Rizzotto, Beppe Montana und Pio La Torre in Sizilien, Valle del Marro in Kalabrien und Terre di Puglia in Apulien. Zwei von ihnen, die Placido Rizzotto und Pio La Torre, betreiben gemeinsam die Kellerei Centopassi in San Giuseppe Jato zwischen Palermo und Trapani (www.cantinacentopassi.it), die insgesamt acht Weine aus vorwiegend einheimischen Sorten erzeugt. Eine dritte, die Terre di Puglia in der Provinz Salento, betreibt die Kellerei Libera Terra Puglia (www.liberaterrapuglia.it) mit insgesamt vier Weinen aus Negroamaro.

Ob sich solche Initiativen der Zivilgesellschaft - mit Unterstützung dessen, was von der kritischen Justiz noch übrig ist - auf lange Sicht gegen die unheilige Allianz aus Mafia, N'drangheta, Camorra etc. einerseits und der Politik andererseits durchsetzen können, steht allerdings in den Sternen. Die Fairtrade-Bewegung hierzulande sollte sich auf jeden Fall dieser Initiativen annehmen und sie nach Kräften fördern. Vielleicht entschließt sich ja auch der eine oder andere Importeur, seine "übelriechenden" Lieferanten gegen Mitglieder dieser Initiative auszuwechseln.

Dieser Artikel ist mir etwas wert:
Sie können unsere Arbeit auch durch eine direkte Spende unterstützen.


Kommentieren Sie diesen Artikel / Your comment

CAPTCHA

Bitte tragen Sie die untenstehenden Zeichen in das Eingabefeld ein. Captcha hilft uns bei der Vermeidung von automatisierten Eingaben.