WorldWine Editorial

Wine in two words - Weinkritik als Kommunikation oder Geheimsprache?

(Oktober 2010) - Natürlich wollte Eric Asimov, der Weinkritiker der New York Times, vor allem provozieren. In einem viel beachteten Beitrag auf den Onlineseiten der renommierten Tageszeitung behauptete er im vergangenen Februar, je detaillierter und genauer die Beschreibung von Weinen sei, desto unnützer sei die Information, die in diesen Beschreibungen übermittelt werde. Eine kurze Auflistung, so Asimov, der herausstechenden geschmacklichen Eigenschaften des Weins, seines Gewichts, seiner Textur oder der Art der Aromen, sei für den Verbraucher weitaus hilfreicher als epische Detailbeschreibungen.

Der Gedankengang hat natürlich für jeden, der einmal versucht hat, zu 200 oder 300 Weinen in einer Verkostungsreihe Originelles, Lesbares und gleichzeitig sachlich Sinnvolles und Richtiges aus seinen Gehirnwindungen zu ziehen, etwas Verführerisches. Kurz und knapp sollen - im besten Falle - ja auch die Beschreibungen sein, die wir auf ENO WorldWine von Weine veröffentlichen.

Cremiger Weinbau und chlorophyllige Frucht

Er wird noch verführerischer, wenn man sich die ausufernden und barocken Weinbeschreibungen so manches Weinkritikers, wie beispielsweise des Italieners Luca Maroni, vergegenwärtigt. Dessen gerne auch seitenlange Aneinanderreihungen der unsinnigsten Adjektive und gewagtesten Vergleiche sind oft nicht nur stilistisch unverdaulich ("Oh, welch großartiger Wein! Unvergleichlich in der süßen Kraft des Bananenkonfekts. Konfekt, weil er in seiner überfließenden Süße dem Überzug des Konfekts von Sulmona gleicht. Oxidatives Wunder önologischer Integrität. Absolutes Meisterwerk cremigen Weinbaus, mit fleischiger Kraft und von vollendeter, unzweifelhaft meisterlicher Viskosität. Natur und Mensch also unzertrennlich, würzige und chlorophyllig faszinierende Frucht ..." - jetzt hab ich beim Übersetzen wirklich geschwitzt!) und inhaltlicher Unsinn - was, bitte schön, ist cremiger Weinbau ("viticoltura cremosa") - , sondern offenbaren auch einen frappierenden Mangel an Distanz zwischen dem Kritiker und seinem Objekt. "Ich starte sofort mit der Suche nach der Banane. Und finde Sie!", las ich einmal in der Beschreibung eines im Barrique ausgebauten Chardonnays, als diese noch modern waren. Der Altmeister der Önologie, Émile Peynaud, hätte ihm darauf wohl schon vor vier oder fünf Jahrzehnten die richtige Antwort gegeben: "Ein eingebildetes, vorgestelltes Aroma ist schon halb wahrgenommen", und im Grunde kommt ein solches, nur von Vorurteilen geleitetes Herangehen einer Bankrotterklärung des Verkosters und Kritikers gleich.

Verführerisch ist der Gedanke von Knappheit und Beschränkung also allemal, aber leider schüttet Asimov, wie so viele, die eine Sache polemisch zuspitzen wollen, das Kind mit dem Bade aus. Eigentlich, so behauptet der NYT-Kritiker nämlich, reichten sogar zwei Worte, um sämtliche Weine ausreichend und nachvollziehbar (vom Leser oder Weinfreund) zu beschreiben: süß (sweet) und würzig (savory).

Süß oder würzig?

Natürlich meint Asimov mit "süß" nicht nur rest- oder edelsüße Weine und ebenso wenig die nicht deklarierte, aber dennoch markante Restsüße so mancher kalifornischen Füllung, wie er sofort präzisiert. "Süß" ist für ihn Üppigkeit, Frucht, die Süße des Glyzerins etwa. Für ihn gehört ein opulenter Zinfandel genau so zu den "süßen" Weinen wie ein Châteauneuf-du-Pape, ein Amarone oder ein große Zahl spanischer Roter. Würzig dagegen sind für ihn salzige Fino-Sherrys oder weiße Burgunder, Sancerre und Weine mit markanter Mineralität, die einhergeht mit frischer, lebendiger Säure. Der Pferdefuß einer solchen Vereinfachung bleibt auch Asimov dabei nicht verborgen. "Viele Weintypen können sowohl süß als auch würzig sein", gesteht er ein und gibt damit implizit zu, dass die Einordnung - und natürlich auch die Orientierung für den Leser / Verbraucher - durch das extreme "Einkochen" der Beschreibung auch nicht gerade leichter wird. Ist ein roter Burgunder nun süß oder würzig, fragt er und antwortet sich selbst, dass das wohl vom Erzeuger, vom Jahrgang, von der Lage etc. etc. etc. abhängt.

Damit stößt Asimovs charmante Idee dann auch schon an die Grenzen sämtlicher Diskussionen über Weinbeschreibungen, die ich in den letzten dreißig oder vierzig Jahren erlebt habe. Es sind Grenzen, die vor allem der Illusion geschuldet sind, Geschmackseindrücke seien so präzise in Worte zu fassen, dass sie der (jeder?) Leser ohne Mühe in die eigene Vorstellungs- und Wahrnehmungswelt übersetzen, und dass man auf diese Weise das geschmackliche Erlebnis des Verkosters sozusagen "am eigenen Leibe", am eigenen Gaumen nachvollziehen könne, ohne auch nur einen Tropfen des beschriebenen Weins getrunken zu haben.

In seinem lesenswerten Artikel "Die Poesie der Flaschen" (http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/524791/Die-Poesie-der-...) hat Andreas Essl dies vor zwei Jahren einmal auf diepresse.com gut dargestellt. "Die Fähigkeit unerer Sinne, Informationen zu verarbeiten, übertrifft bei Weitem unsere Möglichkeit, diese auch in Worte zu fassen." Zwar irrt er meiner Meinung nach, wenn er glaubt, "der wachsende kritische Diskurz über Wein ... führ(t)en zu stets neuen Entdeckungen und Wortschöpfungen und einem sich ständig erweiternden Wörtergebäude". Denn der Wortschatz der "Weinansprache" - selbst dieses Wort ist ja heute kaum noch einem Weinfreund oder Profi geläufig - hat sich zwar über die Jahrzehnte radikal gewandelt, aber neue Begrifflichkeiten haben sich meist nur auf Kosten älterer in den Vordergrund ge- und diese verdrängt. Ganz so, wie das mit der Sprache generell über die Generationen geschieht. Ältere Leser werden sich, sei's mit Freude oder mit Grauen, noch des teils übertrieben blumigen, teils offen sexistischen, teils unverblümt lügnerischen Vokabulars erinnern, das gang und gäbe war als ich selbst anfing, über Weine zu schreiben. [...]

Aus unserer Weingutsdatenbank

Birgit Braunstein
Birgit Braunstein

@@@ Weingut Birgit Braunstein - Neusiedlersee-Hügelland (Österreich)
Hauptgasse 18 - 7083 Purbach
Tel: 02683-5913, Fax: 02683-591322, E-Mail: birgit@braunstein.at, Homepage: www.braunstein.at
Besitzer: Birgit Braunstein
Weinberge bewirtschaftet (ha): 12
Weinbergslagen: Leithaberg, Felsenstein, Heide, Fellne,r Glauberintzer, Sonnenberg, Edelgraben, Goldberg
Rebsorten: Welschriesling 10, Weißburgunder 10, Chardonnay 5, Blaufränkisch 15, St. Laurent 7, Cabernet Sauvignon 3, Zweigelt 15, Pinot noir, Sauvignon blanc
Weinnamen: Oxhoft weiß & rot, Leithaberg
jährliche Flaschenfüllung: 90.000
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Es ist nicht nur die Tradition, es ist Leidenschaft, es ist die Überzeugung, es ist der Glaube an sich selbst, dass Birgit Braunstein vor vielen Jahren den Weinbaubetrieb ihrer Familie mit einer Weinbautradition von über 400 Jahren übernommen hat. 400 Jahre in enger Zusammenarbeit mit der Natur im Burgenland, einer einzigartigen Landschaft am Neusiedlersee. Seit dem 13. Dezember 2001 ist der Neusiedlersee Weltkulturerbe der UNESCO. Somit trägt diese Region ein gemeinsames Erbe mit 721 Stätten weltweit und ein gemeinsames Erbe mit der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft für die gesamte Menschheit.
1996 vinifizierte Birgit Braunstein ihren ersten Wein und fand mit diesem wie sie sagt "einen wirklichen Glücksmoment in ihrem Leben". Um Glück auch nach außen zu kommunizieren hat sie ein irisches Glückskleeblatt auf ihren Etiketten. Zwei miteinander verbundene "B", auch ein Zeichen für Birgit Braunstein und die Unendlichkeit.

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Also, lieber Eckhard, ich bin

Also, lieber Eckhard, ich bin zwar kein Sommelier, sondern nur "Trinker", aber das eben auch schon ein halbes Leben lang. Deshalb finde ich Ihren Artikel sehr gelungen. So bin ich, mit allem Respekt, alles, nur kein Freund von Parker. Was ...der schon alles verzapft hat. Nur als Beispiel....Aber der Satz von Émile Peynaud - "Ein eingebildetes, vorgestelltes Aroma ist schon halb wahrgenommen" - trifft doch, m.E. zumindest, voll ins Schwarze. Denn was ist denn "Genuss", neben allen sachlichen Inhalten des Produktes Wein: eben Emotio und nicht nur Ratio. Der einfache Rote, am lauen Abend, einen Fuß im Wasser des Gardasee, die rassige Italienerin gegenüber und den Duft des Saltimbocca noch in der Luft....! Na ja, Sie wissen schon, was ich meine! Schönes WE, Pedro

Ich denke dennoch, dass

Ich denke dennoch, dass gerade viele Weintrinker, v.a. semi-professionells (das meine ich nicht abwertend, sondern insofern beschreiben für Menschen, die den Wein schon als mehr als ein Genusshobby betrachten) genau solche Beschreibungen hören wollen. Und es macht ja auch in einer gewissen Weise Spaß, die eigenen Eindrücke, mit denen eines Kritikers zu vergleichen - je detaillierter umso besser. Hierbei beobachte ich bei vielen immer wieder eine "sportliche" Freude, wenn sich die Beschreibungen dann mit den eigenen Wahrnehmungen bestätigen.

Ich hab dazu noch keine abschließende Meinung. Denn auf der einen Seite sollten ja die, die das Bedürfnis nach malerischen Details haben, auch ihren Input bekommen. Dass hier ein Bedarf da ist, sieht man ja am erfolgreichen Angebot.

Auf der anderen Seite bin ich als junger Mensch gegen diese unnötige Komplexität einer eigentlich so einfachen, schönen Sache: dem Wein. Denn beobachte (fast schon besorgt) die noch stark vorhandene Hemmschwelle beim Wein in punkto Wissen als Bedingung für Genuss. Ich höre viel zu oft den Satz "Ja eigentlich trinke ich schon gerne Wein, ABER ich kenne mich halt echt nicht aus" - ist doch egal! Man muss keine Aromen rausriechen, damit der Wein einem schmeckt.
Das ist vor allem in jungen Gruppen der Fall, die dann zu den unkomplizierten Getränken greifen, "mit denen man nichts falsch machen kann". Gut, ich bin sicher nicht die erste, die sich für ein unkompliziertes Weintrinken einsetzt.

Vielleicht kann ich zusammenfassend folgendes sagen:
Meiner Meinung nach sollte ein guter Weinkritiker beides können: Den Wein ins allerkleinste Detail mit romantischen Worten beschreiben - und wenn nötig, die Quintessenz herausziehen (..und hierbei das Ganze auf notfalls zwei Worte reduzieren)

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