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Unruhen in Südafrika erreichen den Weinbau


(15.11.2012) -  

Die sozialen Unruhen in Südafrika, die im vergangenen August im Bergbau rund um Johannesburg begonnen hatten, haben in den letzten Tagen auch den Weinbau in der Kapregion erreicht. Bereits Anfang dieser Woche hatte der Sprecher einer Regionalorganisation der Regierungspartei ANC (African National Congress), Mlibo Qoboshiyane, die internationale Öffentlichkeit zum Boykott südafrikanischer Weine aufgerufen und erklärt, wer südafrikanische Weine kaufe, unterstütze die Ausbeutung der - meist schwarzen - Farmarbeiter. "Die Weinindustrie unseres Landes verdient jede Menge Geld", erklärte er, "da sind die Lohnforderungen der Arbeiter nur gerecht und könnten von den Arbeitgebern erfüllt werden."


Farmarbeiter in der Weinindustrie von Tulbagh. (Foto: E. Supp)

Qoboshiyane wollte damit nicht nur einen Streik unterstützen, der in De Doorns im Anbaugebiet Worcester (Breede River Valley) ausgebrochen war. Hier hatten die Farmarbeiter eine Verdopplung der Löhne von durchschnittlich sechs auf mehr als 13 EUR (150 südafrikanische Rand) am Tag sowie eine generelle Verbesserung der Arbeitsbedingungen gefordert. Seine Äußerungen waren darüber hinaus aber auch ein Frontalangriff auf die im Westkap regierende Demokratische Allianz und ihre Vorsitzende Helen Zille, die in den letzten Jahren zur ernsthaften politischen Konkurrenz des ANC geworden ist.

Am gestrigen Mittwoch eskalierte der Konflikt in der Weinindustrie dann: In Wolseley, einer Kleinstadt im Anbaugebiet Tulbagh, wurden ein 28-jähriger Mann erschossen und mehrere andere Streikende verletzt, als die Polizei gegen streikende Demonstranten vorging. Helen Zille forderte daraufhin, die Zentralregierung solle das Militär gegen die Streikenden einsetzen, was diese mit einem Hinweis auf die Zuständigkeit der regionalen Polizeibehörden ablehnte.

Hintergrund der Unruhen ist nicht nur die in den letzten Monaten deutlich gesunkene Wachstumsrate in Afrikas größter und kräftigster Wirtschaft, sondern auch die Tatsache, dass viele Schwarze fast 20 Jahre nach dem Ende des Apartheid-Regimes endlich eine fühlbare Verbesserung ihrer sozialen Lage einfordern. Zwar hat die Weinindustrie in den letzten Monaten bereits versucht, den sich anbahnenden Konflikten mit einem eigenen Ethik-Code für gerechte Bezahlung und menschenwürdige Behandlung der Farmarbeiter zu begegnen, die Streiks der letzten Tage zeigen aber, dass dabei die akute Sprengkraft der Probleme eventuell unterschätzt wurde. ENO WorldWine wird sich in Kürze in einer ausführlichen Analyse mit dem Problemkomplex beschäftigen.

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Su Birch on behalf of the

Su Birch on behalf of the South African Wineindustry: "We are greatly saddened by the civil unrest taking place in parts of the Cape Winelands. According to reports on the ground, the crowds burning vineyards and packsheds are not the workers from the farms involved and whose livelihoods are now under threat.

We hope there will be a speedy and effective resolution as the situation is adversely affecting many vulnerable workers and vulnerable farmers and will negatively impact the wine industry. To destroy wine-growing infrastructure and assets will result in joblessness as workers who would otherwise have been active in vineyards, and cellars will have no work at all this season. Similarly, calling for a boycott of Cape wine can only lead to further job losses." (The extended statement: http://www.wosa.co.za/wosa_world_article.php?id=1670)

Background:
The South African wine industry, through its support of the Wine and Agricultural Industry Ethical Association (WIETA) and also FairTrade, is working hard to ensure the ethical treatment of workers. WIETA is a not-for-profit organisation whose stakeholders include producers, retailers, trade unions, NGOs and government. Amongst its members are trade unions Sikule Sonke and FAWU; and NGOs such as Women on Farms and The Centre for Rural and Legal Studies (http://wieta.org.za.www34.cpt3.host-h.net/index.php)

Die aktuellen Presseberichte

Die aktuellen Presseberichte sind dort, wo es um die Quellen für die Angabe geht, dass die "the crowds burning vineyards and packsheds ... not the workers from the farms involved" seien, sehr viel vorsichtiger als Su Birch und sprechen davon, dass einige Weingutsbesitzer berichtet hätten, die Menge sei von außerhalb angekarrt worden. Diese Vorsicht gegenüber den Quellen ist wohl in diesem, wie in vielen anderen Fällen auch angeraten, auch wenn es für die Sprecherin des Weinexportverbandes natürlich naheliegt, den Äußerungen ihrer evtl. Mitglieder mehr Gewicht zuzumessen, als dies die Presse vielleicht tun darf.

Dass die derzeitigen sozialen Unruhen vom ANC gegen die Demokratische Allianz instrumentalisiert werden, haben wir thematisiert. Ob das gleich ein Grund ist, den Einsatz der Armee zu fordern, wie es den Berichten nach Helen Zille getan haben soll, lasse ich einmal dahingestellt. Vor allem aber: Dass soziale Unruhen von einer politischen Partei ausgenutzt werden, heißt nicht, dass sie von ihr auch ursprünglich ausgelöst worden sind, und instrumentalisieren kann man nur etwas, was bereits existiert. Sonst wären wir sehr schnell bei der Behauptung, mit der man schon versuchte, die 68er mundtot zu machen. Damals hieß das, die seien "alle von der Stasi bezahlt". Eigentlich finde ich es schade, dass im Statement von Su Birch ein solcher Versuch lesbar wird ... ich lasse es einmal dahingestellt, ob sie das so gemeint hat, was ich persönlich gar nicht glaube.

Die Wieta-Initiative ist natürlich ein Schritt in die richtige Richtung, aber es ist ein Schritt, der kurzfristig kaum substanzielle Resultate produzieren wird. Und dass der Wunsch nach solchen kurzfristigen Resultaten legitim ist, vor allem in den Weinbauregionen, wo die Lebenshaltungskosten eher höher sind als in anderen Regionen des Landes, steht angesichts eines Tageslohnes von 6 EUR wohl auch nicht wirklich zur Debatte. Das Preisniveau, das südafrikanische Weine in den letzten Jahren erreicht haben, lässt solche Löhne, last but not least, auch nicht mehr wirklich verständlich erscheinen.

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