WorldWine Analyse

Antinori: Dogmatismus ist kein Weg aus der Krise

Dass die Weinbranche in Italien und besonders in der Toskana lange nicht so toll dasteht, wie sie es gerne nach außen hin darstellt, ist schon lange kein Geheimnis mehr, auch wenn es manch einer noch nicht wahrhaben will. Um die aktuelle Situation besser zu verstehen, führten wir vor gut zwei Wochen mit einer der herausragenden Persönlichkeiten des italienischen Weinbaus, Marchese Piero Antinori, im Firmensitz der Kellereigruppe in Florenz ein langes Gespräch.

EWW: Marchese, Ihren und Ihrer Gruppe, der Marchesi Antinori wird in italienischen Medien in jüngster Zeit gelegentlich vorgeworfen, Sie seien einer der Protagonisten der Internationalisierung des toskanischen Weins und damit einer der Hauptschuldigen für den Verlust von Tradition und Identität im italienischen Weinbau. Eine Art Beelzebub also. Tatsache ist, dass Sie ja in vielen Ländern Wein erzeugen, in Chile, den USA ... Was sind Sie denn nun, eine toskanische, eine italienische oder eine internationale Firma?

P. A.: Ich betrachte uns als eine Firma, die ganz stark in der Toskana verwurzelt ist. Wir wurden hier geboren, im heutigen Gebiet des Chianti Classico. Auch wenn wir außerhalb der Toskana tätig geworden sind, so bin ich doch davon überzeugt, dass auch in Zukunft unsere Verwurzelung in der Toskana noch stärker werden wird.

EWW: Und wie stellt sich das in den Bilanzen dar?

P. A.: Unsere Bilanzen sind zu 80 % "toskanisch", danach kommt der Rest Italiens und schließlich bleibt ein ganz kleiner Rest für die Aktivitäten in anderen Ländern. Unsere verschiedenen Joint-Ventures betrachten wir gar nicht als integralen Bestandteil der Marchesi Antinori. Sie erwirtschaften ja auch im Verhältnis zum Ganzen nur ganz geringe Erträge.

Die Toskana hat eine Zukunft
 

Ich glaube, dass wir - einmal ganz abgesehen von unserer Familiengeschichte - so stark in der Toskana verwurzelt sind, weil ich davon überzeugt bin, dass die Toskana, ungeachtet der Entwicklung in der Neuen Welt, eine unter Weinbaugesichtspunkten ganz außergewöhnliche Region ist, auch, was die Faszination ihres Namens betrifft. Denn neben den klassischen, traditionellen Zonen wie Chianti Classico, Brunello di Montalcino oder Montepulciano und einigen Gebieten wie dem von Bolgheri, überrascht uns diese Region immer wieder mit neuentdeckten, zukunftsträchtigen Weinbauzonen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Toskana noch Zukunftspotenzial hat.


Marchese Piero Antinori beim Interview (Fotos: E. Supp)

EWW: Die wirtschaftliche Lage ist aber doch alles andere als rosig, nicht nur in der Toskana, sondern in ganz Italien ...

P. A.: Ja, in Italien und im Besonderen in der Toskana. Das, was ich gerade gesagt habe, war auch eine eher langfristige Betrachtung, sie bezog sich nicht auf die aktuelle Situation. Die ist wirklich schwierig, vor allem nach den zwei, drei Jahren wirtschaftlicher Krise in der ganzen Welt. Unter der litten und leiden auch die Weinerzeuger, vor allem diejenign, die keinen eigenen Vertrieb haben, die keine Premiumprodukte erzeugen, die keinen bekannten Namen haben. Viele Erzeuger, aber auch Leute, die mit Wein zuvor gar nichts zu tun hatten, haben in den Jahren der Euforie vor der Krise große Investitionen auch in weniger für den Weinbau geeigneten Gebieten getätigt, vielleicht, weil sie dachten, das Eldorado entdeckt zu haben. Die Produktionsmengen dieser neuen Realitäten sind dann zeitlich mit der Krise zusammengetroffen, und das hat uns eine ziemlich "komplexe" Situation beschert.

EWW: ... eine komplexe Situation, sowohl, was den Binnen- als auch, was die Exportmärkte betrifft. So sinkt einerseits der Weinkonsum in Italien selbst, die Fasspreise sind auf einem historisch niedrigen Niveau angelangt, während beispielsweise in Deutschland Brunello di Montalcino inzwischen zu weniger als 10 Euro angeboten wird.

P. A.: Genau, und das betrifft ein wenig fast alle Weinbaugebiete Italiens. Barolo zum Beispiel wird heute zu lächerlich niedrigen Preisen verkauft. Dabei sprechen wir natürlich immer von den Basisqualitäten. Daneben gibt es sicher immer die hochwertigen Produkte, beim Barolo die großen Erzeuger und die großen Lagenweine, in der Toskana die Weine, die ein großes Renommee genießen. Auch sie mussten leiden, aber vielleicht ein gutes Stück weniger.

Die Krise hat dabei vor allem den italienischen Markt erfasst, vor allem 2008 und 2009 gingen Weinkonsum und Absatz deutlich zurück. Beim Export ging es vielleicht auf dem einen Markt etwas schlechter, dafür konnten sich andere, neue Märkte besser entwickeln. Da konnte die Gesamtsituation also einigermaßen gerettet werden. Auch für uns selbst waren die letzten drei Jahre schwierig.

Niedrigstpreise müssen verschwinden
 

EWW: Gibt es im Export nicht auch ein strukturelles Problem. Wenn man die Durchschnittspreise betrachtet, dann sind sie nominell zwischen 2005 und 2010 von 189 auf 178 Euro pro hl gesunken, reell, d. h. unter Berücksichtigung der Inflation wahrscheinlich noch deutlich mehr. Haben sie nicht Angst, dass Italien den australischen Weg gehen könnte und das Preisniveau seiner Weine immer weiter runieren könnte, bis es irgendwann unmöglich werden könnte, diese Entwicklung zurück zu drehen?

P. A.: Nun, diese Durchschnittswerte sind natürlich auch vom Dollarkurs beeinflusst. Da die USA ein extrem wichtiger Abnehmer italienischer Weine sind, beeinflusst natürlich der Dollarkurs auch außergewöhnlich stark den Durchschnittspreis unserer Weine. Allerdings ist der Wechselkurs nicht alleine an dieser Entwicklung Schuld. Denn auch der Preis des Rohmaterials, der Trauben, ist deutlich gesunken. Unter der Krise gelitten haben also auch die Weinbauern.

EWW: Dennoch bleibt die Tatsache, dass Frankreich einen Exportpreis von rund 450 Euro / hl erzielt, und das deckt sich auch mit der Situation der Verbraucherpreise in Deutschland, wo der Durchschnittspreis des französischen Weins noch immer sehr viel höher liegt als der des italienischen.

P. A.: Vielleicht gelten diese Durchschnittswerte ja für Weine und Schaumweine zusammen genommen, und da hat Frankreich eben die Champagne, die den Preis nach oben treibt, während wir Asti und Prosecco haben, zwei Produkte, die auf den Durchschnittspreis eher den gegenteiligen Effekt haben. Die sich vielleicht auch deshalb so gut verkaufen lassen, weil sie so niedrige Preise haben. Aber grundsätzlich lässt sich das Problem natürlich nicht leugnen. Es ist ein historisches Phänomen, das die Situation des italienischen Weinbaus wiederspiegelt. Obwohl der Anteil hochwertiger Weine aus unserem Land, ob nun als DOC, DOCG klassifiziert oder nicht, steigt, verharrt ein großer Teil des Weinbaus auf einem sehr niedrigen Preisniveau. Denken Sie nur an den ganzen Trebbiano, der im Umlauf ist, an die Weine des Südens - trotz aller Fortschritte in Sizilien oder Apulien.


Trotz aller Fortschritte noch immer auf Massenproduktion fokussiert: Weinbau in Apulien

Italien muss noch einen großen Schritt bei der Umwandlung seines Weinbaus machen, weg von Weinbergen für die Massenproduktion und hin zu Weinbergen für Qualitätsprodukte. Auf diesem Feld haben wir zwar schon eine Menge erreicht, aber es bleibt auch noch enorm viel zu tun.

Hobbywinzer und Kirchturmspolitik
 

EWW: Aber wird Italien diesen großen Schritt tun?

P. A.: In gewisser Hinsicht könnte die aktuelle Krise ja genau der richtige Moment dafür sein. Nicht zuletzt, weil es erhebliche EU-Subventionen für die Umwidmung von Weinbergsflächen gibt. Auch die Tatsache, dass in der Krise viele kleine Erzeuger oder Winzer es nicht wagen, große Investitionen zu tätigen, könnte dahin führen. Italien wird diesen Schritt also allein deshalb tun, weil er zu einer Frage von Leben oder Tod geworden ist. [...]


Kommentieren Sie diesen Artikel / Your comment

CAPTCHA

Bitte tragen Sie die untenstehenden Zeichen in das Eingabefeld ein. Captcha hilft uns bei der Vermeidung von automatisierten Eingaben.