WorldWine Analyse

Ja zum Kultwein - EWW-Umfrage mit klarem Ergebnis


[...] Einige Teilnehmer unserer Umfrage glauben auch, dass es in Deutschland keine Tradition sehr hochpreisiger oder Kultweine gibt, an die angeknüpft werden könne, was auch die Chance für solche Weine minimiere, aber dagegen werden von anderen korrekterweise Renommee und Preise ins Feld geführt, die deutsche Weine noch in den 1920er Jahren genossen bzw. erzielten.

Strukturelle und mentale Gründe für das Fehlen

Eine Reihe von strukturellen Gründen, die für das Fehlen von Kultweinen angeführt werden, sind nach Meinung der Befragten fast "unumstößlicher", jedenfalls natürlicher Art: Deutschland produziere vor allem Weißwein, und die haben international per se ein geringeres Kultpotenzial. Gravierender noch: Unsere Rebsorten seien international nicht so beliebt, und die beliebten gediehen anderswo besser.

Dass unsere Weine (noch) "nicht gut genug" für den Kultstatus seien, dass es "keine Konstanz in der Qualität (H) bzw. zu wenige Weine gebe, die entsprechende Anforderungen erfüllen, ist nur für wenige ein Argument; umgekehrt hat für einen Erzeuger sogar die Tatsache, dass die Masse unserer Weine schlicht zu gut (!) sei, das Entstehen von besonderen Kultweinen verhindert. Allerdings werden diese "natürlichen" Gründe so selten angeführt, dass man sie wohl vernachlässigen kann. Immerhin hatte ich bereits erwähnt, dass neun Zehntel der Umfrage-Teilnehmer davon überzeugt sind, dass Deutschland solche Superweine sehr wohl erzeugen könne.

Gewichtiger sind ohne Zweifel diejenigen Gründe, die nach Ansicht der Befragten in den Produktions- und Vermarktungsstrukturen des deutschen Weinbaus angelegt sind. Kultweine, Kultweinmarken passen nicht zu unserer herkunftsgeprägten Weinbautradition bzw. zum "zu strengen" deutschen Weingesetz, das Lagen und Prädikate, nicht aber Einzelwein-Namen in den Vordergrund stellt (W). Das"System der Herkunftsbezeichnungen (sei) zu kompliziert", die "Klassifizierung zu unübersichtlich" und die "gewachsenen Strukturen" stünden der Entstehung von Kultweinen entgegen. Lagennamen ("Kleinstaaterei") eigneten sich schon deshalb nicht für Kultweine, da sie in der Regel nicht exklusiv seien, sondern auch von anderen Erzeugern genutzt würden. Insgesamt gebe es dadurch keine klare, verständliche Qualitätsübersicht "nach außen" (H), d. h. auf den internationalen Märkten.

Da zudem die Strukturen "zu klein" seien, es zu viel "Diversifizierung statt Konzentration" (W), d. h. zu viele Etiketten gebe und selbst Spitzenerzeuger nicht nur versuchten, "alle Schienen abzudecken" (H), anstatt sich auf ihre wirklichen Topweine zu konzentrieren, sondern auch noch überall hin zu exportieren, was dazu führe, dass ihre besten Weine nur national Bekanntheit errungen hätten (W), könne sich der deutsche Weinbau aus dieser misslichen Lage auch nicht befreien. Dies umso weniger, als dieser viel zu lange an der ausführlichen Nennung der international wenig kompatiblen "Lagen und Sorten auf Etiketten" festgehalten habe. Wir erinnern uns: Auch die halbherzige "Anpassung" an das seit 2009 geltende neue Weinrecht hat ja in Deutschland keine wirkliches System von Herkunftsbezeichnungen hervorgebracht.

Strukturelle und mentale Gründe für das Fehlen

Dass deutsche Weingüter in der Regel nicht finanzstark seien, es nur wenige große Einheiten mit entsprechender Schlagkraft gebe, die allein sich eine Kultwein-Strategie leisten könnten (W), wird ebenfalls angemerkt. Nicht nur in den Produktionsstrukturen, auch bei der Vermarktung sehen viele der Befragten fundamentale Defizite. Von sehr (selbst)kritischen Antworten wie "Winzer können kein Marketing" (von einem Erzeuger notiert), es gebe "keine vernünftige Markenbildung", das Weinmarketing (sei) unterbelichtet"  und es habe "sich noch niemand bemüht, eine Marke auzubauen", reicht die Palette der Bemerkungen bis zu eher pauschalen Angaben vom Typ "Markenbildung (sei eben) langwierig" und "dauere Zeit".

Zu "wenig Investition ins Marketing" (H), das noch dazu viel zu gleichmacherisch sei, in dem Masse und Spitze unterschiedslos nebeneinander stünden, verstärkt durch die Scheu vor internationalen Vergleichen (H), habe dazu geführt, dass deutsche Weine kaum "internationale Präsenz" zeigten (H), dass die internationale Anerkennung fehle (H). Um die zu erzielen, sei eine "mehr auf Auslandsmarketing abgestimmte Strategie notwendig" (W), wobei ein Verbraucher (E) auch anmerkt, ohne eine wirkliche Anerkennung auf dem Inlandsmarkt könne es auch keinen dauerhaften Erfolg auf den Auslandsmärkten geben.

Womit wir bei den mentalen Problemkreisen wären. Da sehen alle befragten Gruppen Defizite auf Erzeuger- wie auf Verbraucherseite, während der Handel in dieser Betrachtung als "Problemzone" interessanterweise fast vollständig außen vor bleibt - nach meiner persönlichen Einschätzung eine echte Wahrnehmungsschwäche unserer Umfrage-Teilnehmer.

Sind wir zu bescheiden oder zu ängstlich?

Dass die Weinmacher in Deutschland "zu konservativ" seien, dass es zu viel "Vereinsmeierei" gebe, gehörte dabei ebenso zu den eher isolierten Antworten, wie die Auskunft, Kultweine gebe es nicht, "weil der Journalismus die noch nicht >gemacht<" habe. Interessanter ist da schon, dass ausgerechnet zahlreiche Erzeuger an dieser Stelle Antworten gaben wie "wir sind zu schüchtern", "zu bescheiden", "uns fehlt das Selbstbewußtsein", wir haben aus historischen Gründen "Probleme mit Eliten", und "tue Gutes und rede darüber" sei nicht Bestandteil der deutschen Mentalität.

Das mag alles sehr sympathisch klingen, Professionalität spiegelt es nicht unbedingt wider. Es verstärkt eher meinen Eindruck - der ist nicht neu, gebe ich zu! -, dass der deutsche Weinbau im Grunde extrem gleichmacherisch veranlagt ist. Oder, wie es ein Händler formulierte: "Es fehlt an Individualität" - ein Erzeuger bringt es auf den knappen Begriff "Neid". Und natürlich fehlt es an Marketing-Kenntnissen, was schon beim Konzept des Kultweins generell beginnt: Wir "haben keine Idee, was Kultwein wirklich bedeutet", mein ein Erzeuger nicht ganz unrichtig.

Mentalitätsprobleme werden aber auch den Konsumenten attestiert, von den Erzeugern und dem Handel jedenfalls. "Geiz" zeichne die aus, und in Deutschland habe Genuss generell ohnehin nicht denselben Stellenwert wie in anderen Ländern (H), fehle die grundsätzliche Bereitschaft solche Weine zu kaufen (W). Der Markt, sprich "die Billigmentalität" verhindere, dass solche Weine sich durchsetzen können, sagen die einen, der "Verbraucher (sei) nicht bereit, soviel Geld auszugeben", die anderen.

Das deckt sich mit der eingangs erwähnten Tatsache, dass vor allem die Endverbraucher in unserer Umfrage keine Super-Premium- bzw. Kultweine wollen. Nicht alle sehen diesen "Geiz" deshalb auch kritisch. Die Deutschen hingen an ihrer Idee von einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis, und das ließe "aufgemotzten Klassifizierungen" keine Chance, schreibt ein Verbraucher, es gebe kein "Marktbedürfnis" ein Erzeuger. Zu erklären versucht diesen Geiz manch einer damit, dass er den deutschen Verbrauchern attestiert, ihnen sei "das hohe Qualitätsniveau der deutschen Weine" gar nicht bewusst, es herrsche immer noch "große Skepsis gegenüber deren Qualität", Skepsis, die mit der Angst einherginge, trockene deutsche Weine auch länger zu lagern. Der Verbraucher müsse "erst noch begreifen, dass auch deutscher Wein Geld kosten darf." [...]


Sorry, das ist doch wirklich

Sorry, das ist doch wirklich einfach nur für die Katz. Nicht nur, dass der Text nicht aufhören möchte. Die ganze Aktion ist doch einfach überflüssig, braucht kein Mensch. Sog. "Kult" (Willkommen in den 80/90er Jahren) entwickelt sich organisch; und nicht durch Quatschkonzepte. Das geht dann richtig nach hinten los. Sie haben sich ja bemerkenswerterweise hier richtigen Aufwand gemacht, aber die Grundidee ist doch wirklich nur fraglich...

Ihrem Einwand kann ich

Ihrem Einwand kann ich logisch nicht folgen, P. Hollmann. Nehmen Sie nur den vorletzten Absatz des Artikels: die Antwort auf die Frage, ob und wie "Kultweine" entstehen können, wird ausdrücklich einer weiteren Debatte zugeschrieben. Eine Festlegung auf "Quatschkonzepte" kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

Der Artikel ist in jedem Fall

Der Artikel ist in jedem Fall lesenswert, interessant und regt zum Nachdenken über dieses Thema an. Die lange Jahre beworbene "Vielfalt aus deutschen Landen" war für eine solches Thema kontraproduktiv, sowohl national als auch einzelbetrieblich. Ein Umdenken hat in sehr vielen Betrieben aber schon stattgefunden. Zu bedenken ist aber: Viele, wenn nicht die meisten "Kult" Weine sind Einzelstücke, die mehr auf den Erzeuger bzw. die Handschrift des Kellermeisters/Weinguts fokussieren. Wo bleibt bei einem solchen "Kult" Ansatz, egal wie hoch man seinen Einfluss bewertet, das viel zitierte Terroir ? Ist am Ende das Können des Kellermeisters und die Leistung des betrieblichen Marketings, dies zu kommunizieren doch wichtiger als die ganz besondere Lage / Einzelparzelle ? Bei einem Riesling Clos St. Hune ist es beides, große Lage und meisterliche Weinbereitung. Bei Scharzhofberger von Egon Müller-Scharzhof darf man getrost das gleiche behaupten.

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