WorldWine Analyse

Ja zum Kultwein - EWW-Umfrage mit klarem Ergebnis


[...] Und schließlich: Es gibt sie längst, die Kult- und Super-Premium-Weine, schreiben nicht wenige der Teilnehmer und erwähnen beim Preisniveau gerne die von deutschen Süßweinen erzielten Versteigerungsfüllungen, die aber einen Sonderstatus genießen, der kaum mit dem von Weinikonen anderer Länder vergleichbar ist - Menge, Bekanntheit, Markenimage und fast alle anderen weiter oben definierten Bedingungen treffen auf sie nicht oder nur in geringem Umfang zu. Vor allem aber: Ihre Ausstrahlung auf den großen Rest der deutschen Weinproduktion ist im Vergleich zu den Granges, Pingus', Sassicaias oder Hill of Graces vernachlässigbar gering.

Und es gibt sie doch?

Es gibt sie, aber es wird "zu wenig Propaganda" für sie gemacht, es gibt sie, aber "man nimmt sie nicht genügend wahr", es gibt sie "vom Namen her, aber nicht vom Preis", es gab sie früher, es gibt sie, aber sie werden "hierzulande nicht als solche betrachtet" - das sind die gängigsten Aussagen derer, die bereits Kultweine bei uns ausgemacht haben wollen.

Wie schwer es tatsächlich ist, in Deutschland von wirklichen Kultweinen zu sprechen, verdeutlicht schon die Liste der Namen, die in diesem Zusammenhang genannt werden. Wenn es nicht gleich generische Lagennamen ("Doctor", "Kirchenstück") sind, unter denen mehrere Erzeuger ganz heterogene Weine vermarkten, dann stehen nicht Einzelweine auf diesen Listen, sondern fast ausnahmslos Erzeuger (gelegentlich auch in Kombination mit einem Lagennamen), ganz gleich wie viele verschiedene und unterschiedlich großartige Weine diese hervorbringen, ganz so, als könne jeder ihrer Weine Kultstatus erreichen.

J. J. Prüm und Egon Müller sind die absoluten Top-Nennungen, Kesseler, Fürst, Huber, Keller, Weil, Dönnhoff, Bürklin-Wolf, Becker, Knipser, Heymann-Löwenstein, Heger, Burkhart, Salwey, Ziereisen, Breuer, Molitor, Wittmann, Rebholz, Schäfer-Fröhlich oder Emrich-Schönleber sind die anderen, die ein- oder mehrmals genannt werden. Nur ein einziger Einzel- oder Markenwein, der vielleicht Kultpotenzial haben könnte, wenn sein Name nicht mehr an ein Automodell von Ford als einen Spitzenwein erinnern würde, schafft es in diese Liste: der G-Max von Keller.

Interessanterweise deckt sich diese Wahrnehmung auch mit dem Verdikt eines Dutzend Weinjournalisten-Kollegen im Ausland, die ich zu dieser Thematik in den letzten Monaten befragen konnte. Die sind natürlich einhellig der Meinung, ein Land wie Deutschland brauche solche Weine, aber wenn sie existierende Ikonen nennen sollen, fallen auch bei ihnen nur Lagen- oder Erzeugernamen oder beides zusammen. Zusätzlich zu den in Deutschland genannten Erzeugern nennen sie noch Gunderloch, Bassermann-Jordan, Loosen und sogar Pieroth, aber ansonsten sind die Listen ziemlich deckungsgleich - die viel beschworenen Edelsüßen dagegen finden bei ihnen kaum Beachtung.

Das führt uns zur zweiten unserer "Text"fragen, auf die die Antworten fast ebenso zahlreich, allerdings bei weitem nicht immer so ausführlich ausfielen wie im Fall der ersten. "Welches wären notwendige Voraussetzungen" für das Entstehen von Kultweinen, hatten wir wissen wollen.

Vorwärts zum Kult

Auch hier lassen sich die Antworten in wenige, typisierte Argumentationsstränge einsortieren. Von nicht sehr viel Selbstbewußtsein sprechen Antworten, die fast schon schicksalsergeben erst einmal den "richtigen" Endverbraucher herbeisehnen. "Die Breite an Enthusiasten deutscher Top-Rieslinge müsste noch steigen", "die Konsumenten müssten lernen, dass es auch edle ... Weine aus Deutschland gibt", "die Deutschen würden genau das, was sie an ausländischen Kultweinen toll finden bei einem deutschen Winzer nicht akzeptieren", "die Gewilltheit der Deutschen, auch für Weissweine und dann deutsche Weißweine mehr als 30 Euro zu zahlen" oder "die Verbraucher müssten bereit sein, mehr für Genuss und Lebensmittel auszugeben" lauten die entsprechenden Empfehlungen, die nicht zufällig meist in einer Art fatalistischen Konjunktivs formuliert sind.

Einige wenige Teilnehmer benennen auch die Lösung struktureller bzw. finanzieller Probleme als wichtige Voraussetzung: "Es braucht Big Player mit dem nötigen Kapital" bzw. einen "Investor, der daran Spaß hat" oder knapp "Investment" lauten die entsprechenden Antworten.

Auch wenn einige unserer Teilnehmer die notwendigen Qualitäten für Kultweine schon vorhanden glauben, weisen doch viele darauf hin, dass eben diese Qualitäten erst noch geschaffen oder zumindest konsolidiert werden müssten. "Bedingungslose Qualität", "eine noch stärkere Selektion", "kompromissloses Qualitätsstreben", "konsequentes Arbeiten", "wirkliches Qualitätsbewußtsein (beim VDP)", "absolute Fokussierung auf beste Qualität", "absolute Kompromisslosigkeit" bzw. "außergewöhnliche Qualität" gehören für diese Teilnehmer unabdingbar dazu, um Weine mit einer "Haltbarkeit von mindestens 30 Jahren" erzeugen zu können.

Betriebe, die Kultweine erzeugen wollen, müssten, so wird gesagt, die "Kleinteiligkeit aufgeben", sich auf "1-2 Weine pro Betrieb" konzentrieren, sich nicht mehr "in einem zu großen Angebot" verzetteln, um es "allen Recht (zu) machen", und ihre Weine zu Preisen anbieten, die "diesen Weinen eine eigene Positionierung" ermöglichen. "Ein einzelner Erzeuger müsste bereit sein, sich auf einen Wein zu konzentrieren, maximal noch (auf) ein(en) Zweitwein." Für Verbände wie den VDP wird gefordert, "nur die tatsächliche Qualitätsspitze als Mitglieder zu haben", was diese aber wahrscheinlich existenzbedrohenden Zerreißproben aussetzen würde.

Mut und Marketing

Am meisten werden einerseits Charaktereigenschaften wie Mut - dazu gehört auch und vor allem der Mut zu höheren Preisen, denn "Kultstatus (haben Weine) ... durch den Preis erreicht" - und Individualität, andererseits die Entwicklung von innovativem, "gutem", deutlich "verstärktem", vor allem aber nicht so "kleinkariertem", sondern "konsequentem" und "langfristigem Marketing" "zur Imagebildung" gefordert. Dass dies (mehr) Professionalität erfordert, ist den meisten klar: "gute Analysen, klares Konzept", "konsequente(n) Markenaufbau, Geduld" und "Markenbildung" sowie bessere "Profilierung" gehören für zahlreiche Teilnehmer dazu.

Natürlich müssten dazu "alle Marketingverbände und Institutionen an einem gemeinsamen Strang ziehen", es müsste "mehr Engagement für deutsche Weine im Ausland" geben und die Weine sollten "weitaus stärker auf internationalem Parkett" präsentiert werden. Dazu bedarf es einiger "Winzerpersönlichkeiten, die Stories erzählen, die herausragen", "Gesichter, Testimonials, glaubwürdige ... Persönlichkeiten" müssen entwickelt werden. "Auftreten, Internationalität, Marketing, Presse, eine Geschichte drumherum, Geld und Geduld" fasst ein Erzeuger das Ganze knapp, aber ziemlich treffend zusammen.

Natürlich wird auch eine aktive(re) Rolle der Weinpresse / -medien gefordert, eine "intensive journalistische Unterstützung". "Gemeinsam mit neugierigen und objektiven Weinjournalisten sollte eine verstärkte Aufmerksamkeit möglich sein", wobei die entsprechenden Wünsche leider nicht mit Ideen hinterlegt werden, wie denn eine solche Weinpublizistik funktionieren, d. h. leben soll, bzw. was passiert, wenn es im Printbereicht vielleicht bald gar keine Titel mehr gibt.

An dieser Stelle muss sich natürlich die Frage anschließen, ob es überhaupt möglich ist, eine Entwicklung hin zu Kultweinen aktiv in Gang zu setzen bzw. zu steuern. Kultweine, so meint einer der Teilnehmer an unserer Umfrage, kann man nicht voluntaristisch "produzieren", sie entwickeln sich über lange Jahre - Qualität und Traditionen müssen stimmen. Aber diese Frage bedarf einer eigenen Diskussion, einer, die vielleicht auch nicht mehr auf dem Marktplatz (der Eitelkeiten) zu führen ist, sondern nur noch unter Protagonisten, die wirklich ernsthaft an einer solchen Entwicklung interessiert wären bzw. das Potenzial hätten, die notwendigen Schritte mitzugehen.

Natürlich wird ENO WorldWine eine solche Diskussion gerne begleiten, und vielleicht war diese Umfrage ja ein Anstoß dazu. Interessenten an einer solchen weiterführenden Diskussion werden jedenfalls bei uns immer auf offene Ohren stoßen. Eines scheint mir angesichts der erfreulich aktiven Resonanz auf unsere fünf Fragen jedenfalls sicher: Das Interesse an deutschen Kultweinen ist größer, als manch einer das vielleicht in der Vergangenheit glauben wollte.

* Da unsere Umfrage absolut anonym erfolgte, können die Antworten nur jeweils einer der drei Kategorien Weinbau (W), Handel und Gastronomie (H) bzw. Endverbraucher (E) zugeordnet werden.


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Sorry, das ist doch wirklich

Sorry, das ist doch wirklich einfach nur für die Katz. Nicht nur, dass der Text nicht aufhören möchte. Die ganze Aktion ist doch einfach überflüssig, braucht kein Mensch. Sog. "Kult" (Willkommen in den 80/90er Jahren) entwickelt sich organisch; und nicht durch Quatschkonzepte. Das geht dann richtig nach hinten los. Sie haben sich ja bemerkenswerterweise hier richtigen Aufwand gemacht, aber die Grundidee ist doch wirklich nur fraglich...

Ihrem Einwand kann ich

Ihrem Einwand kann ich logisch nicht folgen, P. Hollmann. Nehmen Sie nur den vorletzten Absatz des Artikels: die Antwort auf die Frage, ob und wie "Kultweine" entstehen können, wird ausdrücklich einer weiteren Debatte zugeschrieben. Eine Festlegung auf "Quatschkonzepte" kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

Der Artikel ist in jedem Fall

Der Artikel ist in jedem Fall lesenswert, interessant und regt zum Nachdenken über dieses Thema an. Die lange Jahre beworbene "Vielfalt aus deutschen Landen" war für eine solches Thema kontraproduktiv, sowohl national als auch einzelbetrieblich. Ein Umdenken hat in sehr vielen Betrieben aber schon stattgefunden. Zu bedenken ist aber: Viele, wenn nicht die meisten "Kult" Weine sind Einzelstücke, die mehr auf den Erzeuger bzw. die Handschrift des Kellermeisters/Weinguts fokussieren. Wo bleibt bei einem solchen "Kult" Ansatz, egal wie hoch man seinen Einfluss bewertet, das viel zitierte Terroir ? Ist am Ende das Können des Kellermeisters und die Leistung des betrieblichen Marketings, dies zu kommunizieren doch wichtiger als die ganz besondere Lage / Einzelparzelle ? Bei einem Riesling Clos St. Hune ist es beides, große Lage und meisterliche Weinbereitung. Bei Scharzhofberger von Egon Müller-Scharzhof darf man getrost das gleiche behaupten.

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