WorldWine Analyse

Verkannte Neuzüchtungen

Der deutsche Sprachraum gilt traditionell als Hochburg der Rebenzüchter. Kaum ein anderes Land des Weltweinbaus hat dabei in den letzten hundert Jahren so viele Vinifera-Neuzüchtungen hervorgebracht wie Deutschland. Allerdings gehören Weine aus Faberrebe, Ortega, Kerner, Optima, Perle, Bacchus, Rieslaner oder Scheurebe nicht eben zu den qualitativen Aushängeschildern: Es sind eher für den Verschnitt geeignete Brot- und Butterweine. Dennoch verfügen einige der neuen Sorten - die richtige Behandlung vorausgesetzt - über ein viel höheres Qualitätspotenzial als ihnen meist zugetraut wird.

In den sechziger Jahren wurden langsam und spät reifende "klassische" Sorten wie der Riesling, die Burgundersorten oder auch der Silvaner über große Strecken von Neuzüchtungen verdrängt. Wie schon 1882 der Schweizer Hermann Müller, Vater des Müller-Thurgau, wollten deren Väter dem Weinbau Reben an die Hand geben, die die Fähigkeit zu höheren Mostgewichten, optimale Anbaueignung auch in weniger guten Lagen und geringere Neigung  Qualitätsschwankungen zeigten als die Traditionssorten des deutschen Weinbaus. Hauptzuchtziel waren also sichere und mengenmäßig stabile Erträge, nur in zweiter Linie spielten qualitative Überlegungen eine Rolle.

 Riesling immer dabei

Die Praxis der meisten Winzer, die die neuen Sorten auspflanzten, war ein getreues Abbild dieser Philosophie - einer Philosophie, die Deutschland vor allem im Export über Jahre hinweg erheblich schadete. Erstaunlicherweise aber wissen meisten derjenigen, die diese neuen Sorten auf Grund ihrer Entstehungsgeschichte und der mediokren Qualität ihrer Weine gerne in Bausch und Bogen verschmähen und lieber Weine aus so genannten Edelsorten trinken nicht, dass bei vielen dieser Neuzüchtungen der Riesling als Vater- oder Muttersorte Pate gestanden hatte.

So auch im Fall der Scheurebe, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Georg Scheu aus Riesling und Silvaner gekreuzt wurde. Sie läuft vor allem in den höheren Prädikatsstufen und bei niedrigen Hektarerträgen zur Hochform auf. Dann entwickeln ihre Weine ihr schillerndes, explosives, fast exotisches Aroma und ihre Säure präsentiert sich Riesling-typisch und vielschichtig.

Qualitativ hochwertige Resultate liefert auch der Rieslaner, eine Würzburger Kreuzung aus Silvaner und Riesling. Vor allem, wenn die Trauben Vollreife erreichten, schmecken seine Weine herrlich rassig und gefallen mit erdigem Cassis-Aroma. Allerdings konnte sich die Sorte bis heute kaum über die Grenzen seiner fränkischen Heimat hinaus durchsetzen, weil sie sehr hohe Anforderungen an die Lage stellt.

Weiße und rote Kreuzungen

Exzellente Resultate kann auch die aus Weißburgunder und Müller-Thurgau gekreuzte Huxelrebe liefern, vorausgesetzt man drosselt ihren Ertrag konsequent. Der Lohn sind Weine, die im Bukett dem Muskateller ähneln, aber eine wunderbare, Riesling-artige Säure besitzen.

Auch die Faberrebe, eine der wenigen Züchtungen, in denen der Riesling keine Rolle spielte - sie wurde von Georg Scheu aus Weißburgunder und Müller-Thurgau gekreuzt -, zeigt sowohl im Anbau wie in der Qualität klare Stärken. Sie gedeiht auch in schwierigen Lagen und kann in reifen Jahrgängen wundervolle Prädikatsweine liefern, die sich durch gute Säure und hohe Mostgewichte auszeichnen.

 Fragwürdige Erfolge

Zu den wenigen erfolgreichen roten Neuzüchtungen gehört der Dornfelder, eine Kreuzung aus Helfensteiner und Heroldrebe, der zur Zeit der absolute Shootingstar der deutschen Weinszene ist. Seine Anbaufläche verdoppelte sich innerhalb von nur vier Jahren und ist wächst weiter. Die Sorte ist im Anbau unempfindlicher als die meisten anderen roten Reben, dabei aber gleichmäßiger in der Reife. Die dunkel-violetten, fruchtigen und harmonischen Weine entsprechen zudem sehr weitgehend dem aktuellen Publikumsgeschmack.

Beim 1969 gezüchteten Kerner, einer Kreuzung aus dem roten Trollinger und Riesling, die inzwischen an vierter Stelle der in Deutschland meist verbreiteten Rebsorten steht, kann die Beliebtheit in der Winzerschaft, die vor allem der geringen Frostempfindlichkeit und der Ertragssicherheit zu verdanken ist, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sorte nur selten die Qualität ihres großen Vorbilds Riesling erreicht, das ihre Züchter geleitet hatte.

Riesling-ähnlicher wirkt da der Ehrenfelser, eine Züchtung aus dem Rheingauer Geisenheim, die sich jedoch auf Grund der geringen Alterungsfähigkeit ihrer Weine nicht durchsetzen konnte, obwohl die Erträge hoch sind und sie auch in kalten, schwierigen Lagen gut ausreift.

Die Entdeckungsreise lohnt

Fast so populär wie Kerner ist Bacchus, der Platz fünf der deutschen Rebsortenliste hält. Die Kreuzung aus Riesling x Silvaner mit Müller-Thurgau verdankt ihre Popularität allerdings eher der Tatsache, dass sie auf fast jedem Kartoffelacker gedeiht und mit ihren hohen Erträgen bei gutem Mostgewicht ein beliebter Verschnittpartner ist.

Summa summarum kann man sagen, dass die gängigen Vorurteile gegenüber vielen der Neuzüchtungen langsam verblassen, denn die besten liefern eindeutig überzeugendere Qualitäten als der Großteil der Modeweine vom Schlage eines Pinot grigio - und das zu günstigeren Preisen. Grund genug für jeden Weinfreund, auch einmal bei den verkannten Neuzüchtungen auf Entdeckungsreise zu gehen.


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