WorldWine Portrait

Juli 2004

Der Visionär vom Kap

von Erich Grasdorf †

 
 
Alexander Baron von Essen hat sich den Traum vom eigenen Weingut erfüllt ... und keines gekauft, sondern eins aus dem Nichts erschaffen: Capaia am Kap der Guten Hoffnung.
 
 

"Da hauen wir noch vier Hektar rein", sagt Alexander Baron von Essen und zeigt auf ein Stück Land in bester Lage an der Nordostflanke des 376 Meter hohen Koebergs. Damit sind dann die rund 60 Hektar Rebfläche komplett, die er sich für den Endausbau seines Weinguts vorgenommen hatte.

Noch nie von Koeberg gehört? Kein Wunder. Der Koeberg gehört zur südafrikanischen Coastal Region, genauer zum Distrikt Tygerberg und darin wiederum zur Gemarkung Olifants Kop, und liegt nördlich und in Sichtweite von Kapstadt und Tafelberg. Koeberg war bis zum August 2000 eine absolut weinfreie Zone. Angebaut wurde hier nur Weizen. Doch dann kam der Baron aus Deutschland und alles wurde hier ein wenig anders.

Großwildjäger mit Rennfahrerblut

Zur Person: Alexander Baron von Essen hat Berg- und Rundstreckenrennen gefahren, was man seinem Fahrstil noch immer anmerkt. Die Passion für schnelle Autos erbte er vom Vater, und eine BMW-Generalvertretung in Baden-Baden dazu. Die verkaufte er bereits vor Zeiten und verschaffte sich damit eine gewisse Bewegungsfreiheit. Als er 1974 seine ebenfalls nicht auf Dornen gebettete Frau Ingrid ehelichte, gingen die beiden auf Hochzeitsreise nach Namibia und dem damaligen Rhodesien. Seitdem sind beide Afrikafans. Der Baron hat die Lizenz zur Grosswildjagd, ist mit König Juan Carlos und "den Hohenzollern" durch afrikanisches Gelände gepirscht. 1987 wurde dann am Tegernsee die Weinhandelsgesellschaft Selection Alexander von Essen gegründet – ein floriendes Unternehmen.

Aber von Essen hatte die Vision, nicht nur mit Wein zu handeln, sondern selbst Wein zu erzeugen. Das wiederum wusste Jan "Boland" Coetzee, einstiger südafrikanischer Rugby-Nationalheros und Eigner des berühmten Weinguts Vriesenhof in Stellenbosch und einer derjenigen, deren Weine Alexander von Essen in Deutschland vertrieb. Coetzee machte den Baron auf das Weizenland am Koeberg und dessen Eignung für den Weinbau aufmerksam. Denn eines war klar: Der Baron wollte kein bestehendes Weingut erwerben, sondern bei Nullkommazero beginnen.

Ungar mit internationalen Erfahrungen

1996 wurden durch neuseeländische Spezialisten erste Bodenanalysen gemacht. Sie waren so verheissungsvoll, dass der Baron zugriff: "Ich habe den Berg gekauft." Der Berg, das war eine 140-Hektar-Farm. Von Essen ließ ganze Geschwader von Erdbewegungsmaschinen anrücken, Rebzeilen anlegen und einen Staudamm bauen. Nebenbei wurde das alte viktorianische Gutshaus renoviert. Und der Baron gewann den ungarischen Önologen Tibor Gal (), einst Chefönologe auf dem toskanischen Renommiertweingut Ornellaia, für sein Projekt Capaia.

Nach Gals Vorstellungen wurden die der Schwerkraft folgenden kellertechnischen Abläufe festgelegt. Herzstück der 2002 fertig gestellten Kellerei sind acht riesige Gärbottiche aus Eichenholz die je 8.000 Liter fassen, sowie 26 weitere mit je 5.000 Liter Fassungsvermögen. Tanks solcher Ausmasse passen natürlich in keinen Container, und so mussten die Küfer eben aus Frankreich eingeflogen werden. In 3.676 Mannstunden fügten sie das Holz von dreihundert Alliereichen sowie dreieinhalb Tonnen galvanisiertes Eisen zusammen. Versteht sich, dass auch die Barriques von einem französischen Küfer stammen. Ohne Beispiel ist die hängende Förderanlage, welche die Trauben in Minicontainern bis zum Tank bringt. Erst über dessen Öffnung werden sie entrappt - ein äußerst schonendes Vorgehen.


Die ersten Trauben wurden im Februar 2003 gelesen. Daraus wurde zunächst einmal der Zweitwein des Hauses gekeltert, ein Cabernet-Merlot-Verschnitt namens Blue Grove Hill. Ein beachtlicher Wein – nicht nur in Anbetracht der erstmals in Ertrag stehenden Reben. Man spürt dass Wirken Tibor Gals.

Neben dem roten Blue Grove Hill wurde mit dem Jahrgang 2004 ein Sauvignon blanc gleichen Namens erzeugt. Der Wein, der den Namen des Weingutes möglichst weltweit bekannt machen soll, ist der Capaia, der 2003 zum ersten Mal gekeltert wurde. Auch wenn es von allen Weinen bis dato nur Fassproben gibt: Chapeau! Die Erstausgabe des Sauvignon blanc ist aromaintensiv und säurebetont - absolut holzfrei, der Capaia eine gekonnte Komposition aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet franc, dem der Petit Verdot den letzten Kick gibt. Das Ziel, in vier, fünf Jahren – und mit entsprechend älteren Reben – einen der ganz grossen Weine vom Kap der guten Weine zu erzeugen, scheint in Anbetracht der ersten Resultate realistisch.

Noch ist alles auf Zuwachs angelegt. Dabei muss der Baron bereits bis anhin gewaltige Summen in seine Vision investiert haben. Ein zweistelliger Millionenbetrag, Euro versteht sich, ist es allemal. Präziser will der Baron nicht werden. Immerhin lässt er nebenbei verlauten, dass ihn allein der Bau der Arbeiterhäuser zwei Millionen gekostet hat. Wann sich die Einlagen einmal auszahlen sollen, lässt er offen. Fünfzehn, zwanzig oder mehr Jahre? Aber wer fragt bei einem Denkmal schon nach dem Return on Investment?

Weingut Werner Anselmann - Pfalz (Deutschland)
Staatsstrasse 58 - 60 - 67483 Edesheim
Tel: 06323-94120, Fax: 06323-941219, E-Mail: info@weingut-anselmann.de, Homepage: www.weingut-anselmann.de
Besitzer: Familie Anselmann
Weinberge bewirtschaftet (ha): 100
Weinbergslagen: Arzheim: Seligmacher - Edesheim: Rosengarten, Mandelhang, Schloss, Forst, Ordensgut - Edenkoben: Heidegarten, Kirchberg - Rhodt: Klosterpfad - Flemlingen: Herrenbuckel, Vogelsprung, Bischofskreuz
Rebsorten: Riesling, Müller-Thurgau, Sauvignon blanc, Grauburgunder, Johanniter, Weißburgunder, Kerner, Cabernet blanc, Silvaner, Solaris, Chardonnay, Gewürztraminer, Siegerrebe, Morio-Muskat, Ortega, Bacchus, Scheurebe, Huxelrebe, Dornfelder, Cabernet Sauvignon, Portugieser, Merlot, St. Laurent, Spätburgunder, Schwarzriesling, Dunkelfelder, Cabernet Mitos, Lemberger, Regent, Cabernet franc, Syrah, Tempranillo, Heroldrebe
jährliche Flaschenfüllung: 1.500.000
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Schade das ich nicht mehr

Schade das ich nicht mehr jünger bin, ich hätte bei der Ernte geholfen!
Mit freundlichen Grüßen
Gerd-Udo von Essen

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