WorldWine Portrait

November 2012

Mutter Courage der Weinberge

von Eckhard Supp

 
 
Alte Rebstöcke - sie sind der Lebensinhalt von Rosa Kruger, einer der interessantesten Protagonist(inn)en des südafrikanischen Weinbaus. Die charismatische, aber gleichzeitig bescheidene und bodenständige landwirtschaftliche Beraterin einer Reihe von Weinbaubetrieben zwischen Kap und Karoo widmet sich seit Jahren mit Engagement und Herzblut der Entdeckung und wirtschaftlichen Nutzung von bis zu 150 Jahre alten Rebflächen und leistet damit einen überaus wichtigen Beiträge zur weiteren Entwicklung des Weinbaus am Kap der Guten Hoffnung. Anlässlich der jüngsten Cape Wine haben wir sie getroffen und mit ihr über ihre Leidenschaft gesprochen.
 
 
An den Hängen der Riebeek Mountains begann
die Karriere von Rosa Kruger, Südafrikas Mutter
Courage der Weinberge. (alle Fotos: E. Supp)

Nein, das hier war nicht ihr Terrain. Die Haltung, die Stimme wirkten nicht wirklich routiniert, gelegentlich sogar ausgesprochen unsicher. Vor Publikum, das war schnell klar, sprach diese Referentin nicht sehr häufig. Zu ihrem Vortrag mit dem Thema "Alte Reben" hatte der südafrikanische Exportverband WOSA anlässlich der jüngsten Weinmesse, der Kapstädter Cape Wine, geladen. Dennoch schlug Rosa Kruger mit ihrer Ausstrahlung, ihrem natürlichen Charisma, innerhalb von Minuten den Raum voller Journalisten und Weinhändler aus aller Herren Länder in ihren Bann. Ihr Vortrag machte definitiv Appetit auf mehr.

Einige Tage später hatte sie dann ihr Heimspiel. Ich traf Rosa im kleinen - und hervorragenden - Café-Restaurant Felix in Riebeek Kasteel, einer Weinbaugemeinde im Herzen des Swartlands, jener Region, in der ihre erstaunliche Karriere als landwirtschaftliche Beraterin vor Jahren begonnen hatte. Von Unsicherheit diesmal keine Spur, nur die Bescheidenheit war geblieben. "Nein, nein, ich bin keine Beraterin," wehrte sie meinen Versuch, einen Titel für ihre Arbeit zu finden, ab. "Berater sind ja wichtige Menschen. Ich bin nur eine Weinbergsmanagerin. Ich fahre von Weinberg zu Weinberg und helfe, deren volles Potenzial zu entwickeln. Und ich liebe es, mit den Weinbergsarbeitern zu arbeiten, ganz gleich ob schwarz oder weiß, sie weiterzubilden."

Obwohl aus einer Familie von Farmern - und Anwälten: "Bei uns gab es immer jede Menge Gesetz!" - stammend, interessierte Rosa Kruger sich anfänglich gar nicht für die Landwirtschaft. "Ich war Journalistin, ein Beruf, in dem ich einige Jahre arbeitete, den ich dann aber wegen der Politik in den 1980ern und frühen 90ern - wir alle wissen, wie die aussah - aufgab." Ein Jurastudium folgte, aber auch das brachte kein langes Glück. "Ich hatte ein Kind, und wenn ich dann abends, meist viel zu spät, in meinem coolen Kostüm und mit meinem coolen Auto von der Arbeit nach Hause kam, saß das oft weinend auf den Treppenstufen."  Ein ganz zufälliges Angebot, in der Kapregion eine Farm zu übernehmen, ließ den  Entschluss reifen, dieses Leben und Johannesburg zu verlassen.

Verrückte Ideen

"Die Farm lag im Gebiet von Elgin und es war eine Apfelplantage. Statt aber einfach mit Äpfeln weiter zu machen, fing ich an, Reben zu setzen." Die Reaktion der anderen Farmer der Gegend war eindeutig: Die musste verrückt sein! Aber, da hatten sie die Rechnung ohne die Hartnäckigkeit der Jungwinzerin gemacht. Rosa holte sich mit Eben Archer, seines Zeichens Professor an der Universität von Stellenbosch, einen echten Fachmann ins Haus. "Er kam ein mal im Monat mit seinen Studenten zu mir. Ich gab ihnen zu essen und zu trinken - sie brachten mir Weinbau bei." Im ersten Jahr machte Rosa einen einzigen Wein, einen Sauvignon blanc, aber das reichte, um sie bekannt zu machen. Von überall her kamen Weinbauern und baten sie, ihre Weinberge in Ordnung zu bringen oder gleich ganze Farmen zu verwalten. Johan Rupert von L'Ormarins, mit dem sie in der Folge sieben Jahre arbeitete, beauftragte sie, ihm zwei gute Weinberge zu finden. Was sie prompt erledigte!


Rosa Kruger beim Interview in Riebeek Casteel und bei der Inspektion alter Chenin-Reben des Weinguts Mullineux.

Vor allem aber reiste sie viel. "Zwei oder drei Mal im Jahr, und das fast 13, 14 Jahre lang, habe ich praktisch jedes interessante und wichtige Anbaugebiet besucht." Rousillon, Kalifornien, Priorat und Douro, Argentinien und Elsass hießen die Etappen, nur Australien und Neuseeland fehlen bis heute. Auch auf diesen Reisen bewies sie Hartnäckigkeit. Als sie bei Didier Daguenau an der Loire arbeiten wollte und der am Telefon meinte, keine Zeit für sie zu haben, klingelte sie einfach eines Tages an seiner Tür. Drei Ernten brachte sie dann mit ihm zusammen ein.

In Frankreich, gut zehn Jahre ist das jetzt her, machte Rosa auch eine für sie zunächst recht unverständliche Entdeckung. Alle Welt sprach hier von alten Reben, kelterte aus ihnen besonders begehrte Weine. "Ich wurde neugierig und fing an, solche Weine systematisch zu verkosten. Eines Tages lud mich dann Michel Rolland, ein Weinmacher, der enorm viel vom Weinbau versteht, nicht nur von Kellertechnik, wie man es ihm oft unterstellt, ein, mit ihm zusammen Weine in Argentinien zu verkosten. Ich musste Fassproben aus insgesamt sechs Kellern probieren und immer nur sagen, ob sie von alten Reben stammten oder nicht."

Mehr Charakter, mehr Tiefe, mehr Ausdruck

Wie sie das erkannte? "Ganz einfach: an ihrem besonderen Charakter. Weine aus alten Reben haben mehr Struktur, mehr Ausdruck, sind eigenständiger, erzählen mehr von ihrem Weinberg und nicht so viel vom Weinmacher." Als sie nach dieser Erfahrung nach Hause kam, rief sie SAWIS, das südafrikanische Weinbauamt, an und fragte, ob man ihr eine Liste alter Weinberge in Südafrika geben könne. Nein, solche Listen seien vertraulich, lautete die Antwort, aber der wirkliche Grund war wohl, dass sich niemand für so etwas interessierte - eine Haltung, die sich zu Rosas Leidwesen bis heute fortsetzt und merkwürdigerweise lange Zeit auch in Forschung und Lehre Südafrikas vorherrschte. [...]


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