WorldWine Reportage

Januar 2002

Barolo: Krieg der Stile

von

 
 
Leidenschaftlich, oft sogar heftig, tobte die Auseinandersetzung, die in den vergangenen 15 Jahren das italienische Piemont erschütterte. Dabei ging es "nur" um Wein, besser gesagt, um die Frage, wer den besten, den "echtesten" und authentischsten Wein erzeugte. Schauplatz der Auseinandersetzungen war das Gebiet um die Stadt Alba, Anbaugebiet von Barolo und Barbaresco.
 
 
Herbst im Barolo-Gebiet: Zeit der Ernte und der Kellerarbeit
(Fotos: E. Supp)

 

Die Verkostung in den Räumen des italienischen Spitzenrestaurants Poletto in Hamburg war für alle Teilnehmer denkwürdig. Auf dem Tisch standen jüngere und ausgereifte Barolos, Weine von insgesamt 14 verschiedenen Erzeugern und  unterschiedlichen Macharten. Kaum einen der Teilnehmer erstaunte die Tatasche, dass gleich drei Flaschen des außergewöhnlichen 90er Jahrgangs an der Spitze der Wertungen rangierten, eher schon verblüffte, dass weder geschmacklich noch in den Beurteilungen ein einschneidender Unterschied zwischen den Vertretern der unterschiedlichen Stilrichtungen auszumachen war.

Gewinner der Probe war ein Wein des Altmeisters Bruno Giacosa, viel zitierte Referenz von Weinmachern, für die das traditionelle, althergebrachte Bild des Barolo der Maßstab ihrer eigenen Arbeit ist. Aber schon auf dem zweiten Platz folgte ein Wein, der in seiner Machart deutlich moderner, internationaler wirkte. Giacosas Barolo der Lage Rionda zeigte in der Farbe reifes Rubin, anregenden Duft von Schokolade und am Gaumen dichte, filigrane und weiche Tannine mit samtener Textur. Der Ornato von Pio Cesare dagegen wirkte fast noch frisch in der Farbe, bestach mich einem tiefgründigen Teer-und-Rosen-Bukett, in dem auch kandierte Früchte mitklangen, und wirkte mit seiner Fülle und Frische, seinen noch festen Tanninen wie ein Wein, der noch Jahre der Entwicklung vor sich hat. Hinter den beiden Siegern wechselten die Stilrichtungen in regelmäßigem Rhythmus. Auf zwei Weine traditionell orientierter Erzeuger folgten drei der modernen Richtung, dann wieder zwei Klassiker und immer so weiter.

Verschiedene Stilrichtungen

Dass die Verkostungsrunde überhaupt bemüht war, unter den zwanzig Weinen verschiedene Stilrichtungen fest zu machen, war dabei einzig dem Wissen um eine der heftigsten Diskussionen im italienischen Weinbau der vergangenen zwei Jahrzehnte geschuldet. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre war es, als sich im Piemont eine Gruppe junger Winzer daran machte, das Erbe ihrer Väter auf den Kopf zu stellen. Ihre Motive waren meist sehr pragmatischer Natur, denn Mitte der siebziger Jahre war das Qualitäts- und Preisniveau der Weine aus Barolo und Barbaresco auf einem Tiefststand angelangt, der auf dem sich entwickelnden Welt-Weinmarkt definitiv ins Hintertreffen zu geraten drohte und nicht einmal mehr das nackte Überleben sicherte. Warum, so lautete die Frage der Jungen, war es nicht möglich, mit Weinen von historischem Renommée und unbestreitbarem qualitativem Potenzial Erfolg zu haben wie Franzosen und seit Neuestem auch Kalifornier.


Die Türme der Trüffelstadt Alba und der Blick von La Morra hinüber auf die Höhenzüge von Castiglione Falletto und Serralunga d'Alba. In dieser beschaulichen Landschaft spielte sich in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine der heftigsten Auseinandersetzungen der italienischen Weinbaugeschichte ab.

Wie schon im 19. Jahrhundert, als Barolo und Barbaresco nach dem Muster der großen Bordeaux-Roten zu einem trockenen, kräftigen Gewächs gestaltet wurden – übrigens von einem französischen Weinmacher namens Oudart –, wandten sie sich wieder nach Frankreich, diesmal allerdings ins nahe Burgund. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre unternahmen viele der heutigen Winzerstars der Region ausgedehnte Studienfahrten in die Weinbauorte der Côte d’Or, um hier zu lernen, wie man qualitativ hochwertige Weine erzeugen und diese gewinnbringend verkaufen konnte.Was sie an Erkenntnissen aus dem Burgund mitbrachten, war tatsächlich revolutionär. Wenn man gute Weine erzeugen wollte, so die wichtigste Lehre, musste man im Weinberg radikal auf niedrige und niedrigste Erträge setzten, musste die Vinifizierung der Weine ändern, musste diese einem systematischen Säureabbau unterziehen und durfte sie nicht mehr in den traditionellen, meist auch schlecht gepflegten, alten Holzfässern ausbauen.

Mitte der achtziger Jahre hatte sich eine kleine Gruppe so genannter Modernisierer herausgebildet, der Namen wie Angeolo Gaja in Barbaresco, Altare, Scavino, Clerico oder Voerzio im Barolo-Gebiet und Giacomo Bologna in den Barbera-Lagen um Asti angehörten. Jahr für Jahr setzten sie mehr von ihrem neugewonnenen Wissen in die Praxis um, sammelten eigene Erfahrungen und stellten im Laufe von weniger als einem halben Jahrzehnt die gesamte Weinbergs- und Kellerarbeit der Region auf den Kopf.

Revolution in Weinberg und Keller

Dass die Erträge für große Weine niedriger liegen mussten, als in der Vergangenheit praktiziert, wurde dabei zumindest als Lippenbekenntnis noch von den meisten ihrer Kollegen akzeptiert. Schwieriger wurde es schon bei den Fragen der Vinifizierung und des Ausbaus der Weine. Während die traditionell orientierten Winzer an der althergebrachten, oft mehr als einen Monat langen Standzeit festhielten und die Weine anschließend in die klassichen, großen und vielfach benutzten Holzfässer legten, setzten die Modernisierer auf teilweise extrem verkürzte Maischung – der eine oder andere Barolo gärt heute nicht länger als zwei, drei Tage auf den Schalen – und ließen die Weine anschließend ein bis zwei Jahre in kleinen Fässchen aus neuem, französischem Eichenholz, den so genannten Barriques, reifen. Der Krieg zwischen Traditionalisten und Modernisten war eröffnet! [...]


Kommentieren Sie diesen Artikel / Your comment

CAPTCHA

Bitte tragen Sie die untenstehenden Zeichen in das Eingabefeld ein. Captcha hilft uns bei der Vermeidung von automatisierten Eingaben.