WorldWine Reportage

August 2003

Bio allein macht keinen guten Wein

von Erich Grasdorf †

 

 
 
Am Anfang stehen eigentlich der Weinberg und die Trauben, nicht aber so bei Karl Schefer. Bei ihm stand am Anfang der Weinhandel, oder besser: Ein Weinhandel für biologische Weine. Im Schweizerischen Heiden gründete Schefer 1980 den Bio-Weinhandel Delinat, aus dessen operativem Geschäft er sich nach zwei Jahrzehnten wieder zurückzog. Nur, um in der Provence ein Weingut zu erwerben und seine Idee des biologischen Weinbaus hier in der Praxis zu verwirklichen.
 
 

Karl Schefer hatte einen Traum: den Traum von einer Weinhandlung, die ihren Kunden ausschließlich Bioweine anböte. Und das in einwandfreier Qualität. Das aber war im Jahre 1980 nicht eben einfach, zum einen, weil es noch nicht sehr viele Biowinzer gab, zum anderen, weil deren Weine oft schlicht miserabel waren und fast ausschließlich von Kupfer-Wolle-Bast-Frauen und Latzhosenträgern getrunken wurden. Denen war nicht so wichtig, was in der Flasche, sondern was drauf war: die Bio-Knospe.

Ausstieg zum Einstieg

Das hat sich inzwischen entscheidend geändert. Nicht nur die Zahl der Biowinzer hat deutlich zugenommen, auch ihre Weine lassen sich qualitativ mit traditionell erzeugten vergleichen. Immerhin sind heute einige der besten und teuersten Weine der Welt "bio", auch wenn es bei manchen gar nicht auf dem Etikett steht. Oder nur ganz klein. Niemand kauft heute noch schlechten Wein für gutes Geld, nur weil er damit sein ökologisches Gewissen beruhigt. Aus dem einstigen Pioniergeschäft mit Bioweinen ist ein wirtschaftliches Erfolgsmodell geworden.

Aus dem operativen Geschäft seiner ganz persönlichen Erfolgsgründung Delinat hat sich Karl Schefer inzwischen zurückgezogen, nicht ohne die Firma vorher selbst zum Weinerzeuger zu machen. Mit Hilfe etlicher Aktionäre erwarb er in der provençalischen Appellation Coteaux Varois ein heruntergekommenes Weingut mit insgesamt 42 ha Rebfläche, das Château Duvivier, in der Gemeinde Pontevès, knapp eineinhalb Autostunden von Nizza entfernt.

Kupfer, Kräuter und Nematoden

Jeder Biowinzer hat seine eigenen Methoden, einig ist man sich nur hinsichtlich weitest gehender Chemie-Abstinenz. Dazu kommt: Die unterschiedlichen Klimazonen stellen unterschiedliche Anforderungen. Was im Süden funktioniert, kann im Norden schief gehen. Das steht dem direkten Erfahrungsaustausch und dem Sammeln allgemein gültiger Erkenntnisse entgegen. Auf die kürzeste Formel gebracht, gilt allenfalls: Je weiter südlich, desto einfacher ist biologischer Weinbau.

Angesichts dieser Schwierigkeiten wollte Schefer auf Duvivier nicht einfach Wein erzeugen, sondern eine Institution für experimentellen Weinbau schaffen. Die Ergebnisse der Forschungen von Duvivier sollen allen Delinat-Lieferanten zugänglich gemacht werden. Dazu wurden bereits 1995 mit Hilfe von Pierre Basler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt in Wädenswil vier Versuchsreihen gestartet. Bei der ersten geht es um die richtige Wahl der Gras- und Kräutermischung für die Begrünung zwischen den Rebzeilen, mit deren Hilfe die Erosion gestoppt, die Artenvielfalt der Weinbergsfauna gesichert und ein Feuchtigkeitsreservoir geschaffen werden soll.

Im zweiten Versuch geht es um den oft geäußerten Vorwurf, dass Biowinzer oft kein anderes Mittel gegen den Falschen Mehltau wissen als Kupfer (Bordeauxbrühe), von dem man weiss, dass er die Böden dauerhaft kontaminiert. Basler versucht deshalb, Kupfer nur noch in minimalen Dosierungen spritzen zu lassen. Die beiden letzten Versuchsreihen drehen sich um pilzresistente Rebsortenzüchtungen und um Nematoden alias Fadenwürmer.

Bio und bessere Weine

Für die Weine auf Duvivier ist der Önologe Antoine Kaufmann verantwortlich, der zuvor im Wallis, in Neuchâtel, in Venetien, Australien, dem Napa Valley und zuletzt bei Jean-Daniel Schlaepfer, einem der dezidiertesten Schweizer Vertreter des Bioweinbaus gearbeitet hatte.

Zusammen mit seinem Freund François Pillon betrieb Schlaepfer in Peney bei Genf das 25-ha-Weingut Domaine des Balisiers. Als es den beiden dort zu eng wurde, kauften sie die Domaine de Lauzières in Mouriès, im AC-Gebiet Les Baux-de-Provence, 2001 von der renommierten Revue des Vins de France mit dem Titel "Entdeckung des Jahres" ausgezeichnet.

Lautet Schlaepfers Credo: "Bio ist gut für die Gesundheit der Umwelt, der Mitarbeiter und der Kunden, aber es macht den Wein per se nicht besser", so sieht das Peter Fischer entschieden anders. Fischer, Urenkel des Alleskleber-Erfinders "Uhu"-Fischer sieht den Zusammenhang zwischen biologischem Weinbau und Weinqualität sehr viel enger: "Ich wollte die best möglichen Weine mache. Und der sicherste Weg dahin war der Bioweinbau. Fischer ist Eigner des Château Revelette im provençalischen Val Durance, einem der kühlsten Gebiete der Gegend.

 Bio allein ...

Während Fischer und Schlaepfer mit ihren Philosophien noch um den tieferen Sinn des Bioweinbaus ringen, macht man auf Château Duvivier indessen erste Versuche mit der verschärften Version, dem biodynamischen Weinbau nach den Ideen des Anthroposophen und Alkoholverächters Rudolf Steiner. Bedeutendster Vertreter der Adaptation dieser Methoden auf den Weinbau ist Nicolas Joly, Loirewinzer und Besitzer des einzigartigen Weinbergs Coulée de Serrant.

Wie die Burgunder Domainen Leflaive und Leroy, Olivier Humbrecht aus dem Elsass, Gaston Huet an der Loire oder Ron Loughton auf Jasper Hill in Australien, sind sich nicht nur Anhänger der biodynamischen Idee, sondern auch Erzeuger einiger der größten Weine ihrer jeweiligen Anbaugebiete. Eines aber wissen sie alle: biologisches oder biodynamisches Arbeiten alleine macht noch keinen guten Wein. Dazu braucht es viel Schweiß im Weinberg und sorgfältiges Vinifizieren im Keller.


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