WorldWine Reportage

Oktober 2013

Brazilian Soul - Auf der Suche nach den Märkten

von Eckhard Supp

[...] Don Giovanni, ein weiterer Betrieb mit eindeutig italienischen Wurzeln - so langsam zahlte es sich bei mir aus, dass ich zwar mein in den 1970ern erworbenes, rudimentäres Portugiesisch wieder vergessen habe, dafür aber im Italienischen umso heimischer bin - ist in Pinto eindeutiger Platzhirsch. Ja, auch hier versuchte man bis vor kurzem, Rotweine zu keltern. Aber der Cabernet franc wurde dann ersatzlos ausgerissen, für ihn war es einfach zu kalt, Chardonnay und Pinot noir traten an seine Stelle.

Die Ergebnisse der radikalen Entscheidung können sich sehen lassen: Weine mit feinstem Perlage, fruchtbetont im Duft, bei den besseren Qualitäten aber auch mit Backwerk und mineralischen Noten, und vor allem am Gaumen eine überraschende Dichte und Festigkeit. Die besten brauchen auch die Konkurrenz guter Champagnerqualitäten nicht zu fürchten, von Cava oder Prosecco ganz zu schweigen.

Sympathische Bescheidenheit

Das Besondere an den Grundweinen für diese Prickler, ist ein Phänomen, dem ich am Ende der Reise noch einmal begegnen sollte. Die brasilianische Önologenvereinigung hatte mich gebeten, einen jungen, noch nicht gefüllten Chardonnay vor 900 Weinfreunden und -profis zu kommentieren. Beim Blick auf die Analysewerte glaubte ich, mich tritt ein Pferd: fast 10 Gramm Säure und ein pH von 3,2 - wer sollte das denn trinken? Umso größer dann die Überraschung. Der Wein war ungemein finessenreich im Duft und dicht, reich und kompakt am Gaumen. Fruchtige Säure, ja, aber von extremer Säurebetontheit keine Spur.

Das Geheimnis solcher Weine ist der extrem hohe Weinsäureanteil, das fast vollständige Fehlen von Apfelsäure, das auch die Malolaktik überflüssig macht. Als ich den Wein bewertete, die nächste Überraschung! Meine 93 Punkte brachten den bis dato in absoluter Stille - in Europa ziemlich unvorstellbar - verkostenden Saal hörbar zum Staunen. Brasilianer, so lernte ich, bewerten ihre eigenen Weine deutlich kritischer, bescheidener, und das bestätigte auch der Blick auf den wichtigsten nationalen Weinführer, dessen Höchstwertung bei 92/100 Punkten liegt. Im Unterschied zum vollmundigen Eigenlob, das in anderen Ländern gerne versprüht wird, eine durchaus sympathische Haltung.

Aber war das die Unique Selling Proposition der Brasilianer? Ausgerechnet ein Produkt, das es schon rein preislich auf dem hart umkämpften Schaumweinmarkt nicht leicht hätte, wie gut die einzelnen Weine auch immer ausfielen?


Alto Feliz in den Bergen der Serra Gaúcha ist die Heimat der italienstämmigen Familie Motter, deren Weingut Don Guerino zu den besten des Landes gehört.

Schwer vorstellbar, obwohl ... Schaumweine waren es letztlich, die mich dann doch auf die richtige Spur brachten. Drei bunte, vielleicht ein wenig zu bunte und marktschreierisch wirkende Etiketten lachten mich gegen Ende unserer Reise in der größten Genossenschaft der Serra Gaúcha, der Kellerei Aurora an. Carnaval hieß die Schaumweinlinie im Preiseinstiegssegment, und ließ unsere Ausgangsfrage dann sehr viel konkreter werden. Karneval, Samba, das sind wohl, sieht man von Amazonien, Sonne und Fußball ab, die wichtigsten Bilder, die jedem beim Stichwort Brasilien einfallen.

Samba und Bossa Nova

Es ist vielleicht genau diese Gefühlswelt des Sambas, diese überschäumende Lebenslust des Karnevals, die den Imagekern für brasilianische Weine bilden könnte. Der Samba des Karnevals, was "in Wein übersetzt" soviel hieße wie prickelnde Schaumweine, gerne auch auch süße, sowie lebendig-fruchtige, finessenreiche Weiße und schließlich üppig-fruchtbetonte, dichte, aber dennoch nicht schwerfällig-überextrahierte Rote, wäre die eine Seite dieser Medaille. Die "saudade" des Bossa Nova, des "Girls from Ipanema"- "saudade" heißt soviel wie Sehnsucht, Wehmut oder auch, wie es einer meiner Gesprächspartner übersetzte, schlicht Gefühl - könnte die andere sein, die dann allerdings mit "Meditations"weinen von samtig-seidiger Textur und würziger aromatischer Tiefe eine deutlich andere, selektivere Klientel ansprechen müsste.


So richtig setzt der brasilianische Weinbau erst seit den 1990er Jahren auf Vitis-Vinifera-Sorten - hier junge Triebe einer Cabernet-Sauvignon-Rebe.

So weit nur die Begriffe, die Bilder gemeint sind, scheint die brasilianische Weinwirtschaft das durchaus auch so zu sehen. Jedenfalls suggerieren das nicht nur die "Carnaval"-Linie von Aurora, sondern auch die Weine mit den schönen Namen "Bossa Nova" und "Girl from Ipanema" der unumstrittenen Nummer Eins des Landes, der Kellerei Miolo.

Erschwerend bei solcher Identitätsfindung ist allerdings, dass die Brasilianer selbst eher europäisch-klassische Etiketten mögen, dass ihre Weine sogar eher europäische Statur zeigen, keine Monster sind, wie in anderen Teilen der Neuen Welt. Aber dann muss die brasilianische Weinwirtschaft eben unterschiedliche Konzepte für den eigenen und die Exportmärkte fahren, auch wenn das ein wenig aufwändiger erscheint. "Richtig" brasilianische Weine sollten zumindest hierzulande auch richtig "brasilianisch" daherkommen.

Obwohl solche Marketingkonzepte auf dem Etikett des einen oder anderen Weins schon ihren Niederschlag finden, sieht die Realität in der Flasche noch ganz anders aus. Von Samba ist da wenig zu schmecken, der Bossa Nova winkt sogar aus noch weiterer Ferne. Das gilt vor allem für die Weißweine, bei denen Lichtblicke wie der oben erwähnte Chardonnay seltener sind als ein Sechser im Lotto.

Den Rhythmus im Blut

Auch bei den Roten, die noch weithin unter dem Defizit mangelnder aromatischer und phenolischer Reife leiden - das wird auch immer wieder von unseren Gesprächspartnern bestätigt - und deren grüne Aromen und Tannine so gar nichts von Samba und "saudade" haben, muss man lange suchen, bis man fündig wird. Das meiste, was man uns einschenkte, kam jedenfalls eher als "me-too"-Imitation europäischer Stile daher.

Und dennoch! Es gibt ihn, den Samba im Weinglas. Die Familie Motter - italienischen Ursprungs, wie könnte es anders sein -, die in Alto Feliz (deutsch vielleicht "hoch" und "glücklich" oder "hohes Glück") das ultramodern wirkende Weingut Don Guerino betreibt, schafft es, gleich mehrere Weine zu keltern, die den Rhythmus im Blut haben: Einen hervorragenden, flaschenvergorenen Sekt, einen ultra-delikaten, fruchtbetonten und aromatischen Chardonnay und, last but not least, zwei rote, die wirklich tanzen, aus den ungewöhnlichen, natürlich ebenfalls italienischstämmigen Rebsorten Ancellotta und Teroldego.

Dem anderen Traumbild, dem des melancholischen Bossa Nova am nächsten, kommen vielleicht die besten Weine der Großkellerei Miolo, die mit ihren Roten Sesmarías, Lote 43 und Almadén Tannat Vinhas Velhas gleich drei Mal in den Top Ten meiner Verkostungen vertreten war. Auch in diesen Weinen ist Musik zu spüren, eher die ruhige, meditative Variante, nicht der überschäumende Samba, und sicher sind diese Weine noch stark nach europäischem Muster gestrickt. Aber damit habe ich schon viel zu weit vorgegriffen, auf den großen Verkostungsreport, der in wenigen Tagen folgen soll. Eines jedoch ist sicher, und das ist das Fazit dieser Reise voller Fragen sowie einiger, noch nicht aller Antworten: Wenn Brasilien es schafft, seinen Weinen auf der langen Reise nach Europa, Amerika oder Asien eine solche unverwechselbare Persönlichkeit mitzugeben, dann haben die Winzer der Serra Gaúcha große Chancen. Wenn nicht, dann muss man es halt weiterhin mit den schwierigen Konsumenten des eigenen Landes versuchen.

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sehr guter Artikel, der die Stärken, Schwächen des brasilianischen Weins und die Herausforderungen, die es zu überwinden gilt, analytisch gründlich und vom Fachwissen her sehr kompetent herausarbeitet

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Da der Amazonas Dschungel bereits gerodet wird, um Soja für die Billig-Fleisch-Produktion von brasilianischem Roastbeef an zu bauen, kann ich nur sagen: No, we do not need Brasilian wine at all! Solange mit ökologischen Ressourcen wie dem Amazonas und indigenen Völkern in diesem Land so umgegangen wird, sollte man den Wein allein schon aus ethischen Gründen boykottieren.

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Ein sehr interessanter und fundierter Beitrag. Die brasilianische Weingeschichte wächst sehr langsam aus ihren Kinderschuhen heraus, aber es braucht wohl noch einige Jahre, um wirklich internationale Akzeptanz und Anerkennung zu finden. Man traut dem dortigen Weinvorhaben noch nicht genug Qualität zu, um dauerhaft auf dem internationalen Weinmarkt dabei zu sein. Der Wille und das Fachwissen sind vorhanden, die Weine werden es zeigen und sich durchsetzen.

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