WorldWine Reportage

April 2002

Chablis: Der etwas andere Chardonnay

von Eckhard Supp

 
 
Sie wissen nicht, was ein „ABC“-Trinker ist? Der Begriff stammt aus Amerika, ist eine Abkürzung von „anything but Chardonnay“ – alles, nur nicht Chardonnay – und benennt einen Trend bei Weinfreunden, die der riesigen Mengen Chardonnay-Weine, welche heute weltweit angeboten werden, überdrüssig geworden sind. Nutzlos zu sagen, dass dieselben Mode-Trinker noch vor wenigen Jahren zu denen gehörten, die bei Weißwein fast ausschließlich nach Chardonnay verlangten. Moden eben!
 

 

Chardonnay ist eine der populärsten Rebsorten der Welt. Jedes Weinbauland kultiviert ihn, jeder Winzer möchte sich mit seinen Weinen profilieren, und kaum eine andere Sorte eignet sich so gut für fast alle Böden, jedes Klima und jede Stilrichtung des modernen Weinmachens. Eine Zeitlang gingen die Wogen hoch, wenn von Chardonnay die Rede war. Fast unversöhnlich standen sich die Anhänger der fruchtigeren Richtung – verkörpert von Gewächsen, die meist im Stahltank ausgebaut worden waren – und die des kräftigen, manchmal auch deutlich zu fetten Power-Chardonnays aus dem Barrique gegenüber. Moden eben, die die ganze (Wein)Welt bewegten!

Die ganze Welt - mit Ausnahme eines kleinen Städtchens mitten in Frankreich, genauer gesagt im nördlichen Burgund! Auch hier kultiviert man seit Jahrhunderten Chardonnay, aber niemand schien bisher viel Aufhebens davon zu machen. Hier gehört die Traubensorte, ganz wie das Klima, wie die Böden und vielleicht auch wie die Regierung im nicht allzu fernen Paris, zu den gottgegebenen, natürlichen Bedingungen, über die man nicht diskutiert, sondern aus denen man das Beste zu machen versucht. Dennoch oder gerade deshalb: Der Name des Ortes und der seiner Weine waren und sind weltbekannt: Chablis.

Schwierige Bedingungen

Die natürlichen Bedingungen im nördlichen Burgund sind eigentlich alles andere als ideal für das Wachstum der berühmten Trauben. Das liegt vor allem an der Frostgefahr bis hinein in das späte Frühjahr, unter der die jungen Knospen und Blättern der Weinrebe leiden. Die Winzer von Chablis schützen sich vor diesen Frösten durch ihre typischen Ölöfen, die man in fast allen Weinbergen sieht, und die in kalten Nächten mit ihrer roten Glut ein fast surrealistisches Bild abgeben. Eine zweite Methode besteht darin, die Pflanzen einfach mit Wasser zu besprühen, das zu einem dicken Eismantel gefriert und sie auf diese Art vor der Kälte schützt.

Vor allem was die Böden betrifft, herrschen in der Umgebung von Chablis besondere Bedingungen. Eine Mischung aus Kalk und Ton mit Ablagerungen maritimen Ursprungs sorgt für den charakteristischen Duft und Geschmack, den Weinfreunde als "mineralisch" bezeichnen oder mit dem Geruch von angeriebenem Feuerstein vergleichen. Im Mund ist guter Chablis fest und wirkt fast stahlig, nur selten bleibt er vordergründig fruchtig oder wird fett und alkoholisch. Er zeigt Eleganz und lebendiges Säurespiel, kann in den besten Fällen auch recht gut altern.

Bei so starkem Eigencharakter der Weine haben sich die Winzer von Chablis nie übermäßig um den „richtigen“ Ausbau ihrer Gewächse kümmern müssen. Traditionell benutzten sie kleinere Holzfässer, die ein paar Jahre in Gebrauch blieben und nur wenig Geschmacksstoffe an den Wein abgaben. Dann wurde die Gärung im Stahltank eingeführt, der kontrollierteres und vor allem saubereres Arbeiten erlaubte, aber den Weincharakter unverändert ließ.

Klassifizierte Lagen

In den achtziger und neunziger Jahren führte man allerdings auch hier das Barrique-Fass ein, legte aber zum Glück nur die ausdrucksvollsten und geschmacklich reichsten Weine der besten Weinbergslagen hinein. Welche Weine sich dafür eignen, bestimmt auch hier – wie auch im Herzen des Burgund, an der Côte d'Or – ein ausgefeiltes System von Klassifizierungen aller Weinbergslagen. An der Spitze der Pyramide stehen die so genannten Grand-Cru-Weine, deren Trauben von einem einzigen Südwest-Hang oberhalb von Chablis stammen. Bougros, Preuses, Vaudésir, Grenouilles, Valmur, Les Clos und Blanchot heißen die Grands Crus, die besten, charaktervollsten Produkte der Appellation.

Eine Stufe darunter findet man die Premiers Crus. Leider hat man in den vergangenen Jahrzehnten zu viele Lagen mit diesem anspruchsvollen Titel ausgestattet, so dass in dieser Kategorie sehr schöne, aber auch weniger überzeugende Weine zu finden sind. Wieder eine Stufe darunter sind die Weine der Appellationen Chablis – ohne Zusatzbezeichnung – und Petit Chablis angesiedelt. Sie werden meist im Stahltank verarbeitet, wirken eher fruchtig als mineralisch, können aber bei sehr günstigen Preisen oft großes Trinkvergnügen bieten, ohne allerdings sehr lagerfähig zu sein. Alles in allem: Genug Stoff und Exzellenz, um den Chardonnay nicht aus den Augen zu verlieren. ABC-Weine dürfen Sie ja meiden – bei Chablis allerdings wäre das wirklich schade.

Empfehlenswerte Erzeuger:

Domaine Billaud-Simon – 1 quai de Reugny, F - 89800 CHABLIS, Tel: 0386421033, Besuche Mo – Fr normale Geschäftszeiten, Sa nach Vereinbarung

Domaine Jean-Marc Brocard – F - 89800 PREHY-CHABLIS, Tel: 0386419000, Besuche Mo – Sa normale Geschäftszeiten, So 9 – 13 Uhr

Domaine Pascal Bouchard – 17, Bd Lamarque, F - 89800 CHABLIS, Tel: 0386421864, Besuche Mo – So normale Geschäftszeiten

Cave Coopérative La Chablisienne – 8, Bd.Pasteur, F - 89800 CHABLIS, Tel: 0386428989, Besuche Mo – So normale Geschäftszeiten

Domaine R. &. V. Dauvissat – 8, rue Emile-Zola, F - 89800 CHABLIS, Tel: 0386421158, Besuche nach Vereinbarung

Domaine J. - P. Droin – 14bis rue Jean-Jaurès, F - 89800 CHABLIS, Tel: 0386421678, Besuche nach Vereinbarung

Domaine Alain Geoffroy – 4, rue de l'Equerrre, F - 89900 CHABLIS, Tel: 0386424376, Besuche nach Vereinbarung

Domaine Michel Laroche – 22, rue Louis Bro, F - 89800 CHABLIS, Tel: 0386428900, Besuche Mo – Fr normale Geschäftszeiten

 


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