WorldWine Reportage

Februar 2002

Chile: Die Erben der Konquistatoren

von Alexander Niemann

 
 
Chiles Weine sind im Kommen. Dies zeigen jedenfalls die Ausfuhrzahlen des Andenstaates, die im vergangenen Jahr um mehr als 16 Prozent zulegten und sich auf dem beachtlichen Niveau von 2,8 Millionen Hektolitern einpendelten. Deutschland spielt als inzwischen drittgrößter Konsument  chilenischer Gewächse eine wachsende Rolle im Konzert der Abnehmerländer und erhöhte seine Einfuhren innerhalb eines einzigen Jahres um über 50 Prozent. Chile ist damit auf den Weltmärkten die unumstrittene Nummer Eins Südamerikas, wobei die Weine aus Maipo, Rapel, Casablanca oder Colchagua inzwischen auch ein ausgezeichnetes Qualitätsniveau erreicht haben, obwohl sie noch unter dem Billigwein-Image vergangener Jahre leiden. Das älteste Weinbauland der Neuen Welt erzeugt eine Fülle von Sorten und Herkunftsbezeichnungen, die auch für den anspruchsvollen Weinfreund eine willkommene Bereicherung des Angebots darstellen.
 
 

 

Wenn von Amerikas Weinbau die Rede ist, denkt jeder zuerst an Kalifornien. Eigentlich aber ist das eine schreiende historische Ungerechtigkeit, denn schon lange bevor die Nordamerikaner im 19. Jahrhundert mit dem Auspflanzen europäischer Vinifera-Reben und dem Kultivieren der einheimischen Labrusca-Pflanzen begonnen hatten, noch vor dem Start des Weinbaus in Südafrika und dem in Australien, besaßen Mittel- und Südamerika florierende Weinkulturen und exportierten ihre Weine bereits in viele Länder des Alten Kontinents. Spaniens Eroberer Cortéz hatte in den frühen Jahren der Kolonisierung erste Setzlinge nach Mexico gebracht, und Mitte des 16. Jahrhunderts – nur wenige Jahrzehnte nach der blutigen Zerschlagung des Inkareichs durch Pizzarro und nach der Gründung Santiagos durch Pedro de Valdivia – entstanden auch im heutigen Chile die ersten Rebgärten.


Das älteste Weinbauland der Neuen Welt besitzt zahlreiche historische Kellereien wie hier Casa Silva im Colchagua Valley des Rapel-Gebiets südlich von Santiago. (Fotos: Eckhard Supp)

Der Andenstaat ist auch heute noch das bekannteste südamerikanische Erzeuger-Land, und das, obwohl seine Weinproduktion nicht viel größer als die Brasiliens ist, und die Rebfläche nur etwa drei Viertel der argentinischen darstellt. Vor allem in den USA und Großbritannien sind die Weine aus Chile seit langem begehrt, aber auch in Deutschland findet man sie inzwischen in fast jedem Restaurant und jedem guten Weingeschäft.

Weinbaugeschichte mit Hindernissen

Das war nicht immer so. Andauernde, oft blutige Auseinandersetzungen mit revoltierenden Indianern, die isolierte Lage des Landes gegenüber dem alten Europa und die Unsicherheit, die Jahrhunderte lang auf den Weltmeeren herrschte, setzten dem chilenischen Weinbau lange Zeit enge Grenzen. Auch taugte die dominierende chilenische Rebsorte, der spanische Paìs, der auch heute noch etwa 15 Prozent der zur Weinproduktion genutzten Rebflächen belegt, zu kaum mehr als rustikalen, einfachen Roten. Seine Weine entsprachen nicht im Entferntesten den qualitativen Ansprüchen, die Europas Weinfreunde an Weine im Allgemeinen und an solche aus der Neuen Welt stellten, da Kalifornien und Australien, vielleicht auch Neuseeland oder Südafrika bereits höhere Maßstäbe setzte.

Dabei genießt das Land gegenüber Europa entscheidende Vorteile. Es blieb aufgrund seiner Isolation, seiner besonderen Böden und ungewöhnlicher Anbaumethoden bis heute vollständig von der Reblaus und anderen Rebkrankheiten verschont, die Ende des 19. Jahrhunderts die Weinberge Europas verwüstet hatten und bis heute den Winzern der Welt Kopfzerbrechen bereites. In Chile reicht es meist, ein wenig Botrytis-Vorsorge zu treiben, vielleicht noch etwas Schwefel gegen Oidium zu spritzen, und die roten Spinnen werden meist nicht einmal als Problem wahrgenommen. Allerdings verführten diese paradiesischen Bedingungen – fast jedes Jahr können gesunde Trauben im Überfluss gelesen werden – die Winzer oft auch zu sinnloser Massenproduktion, die bis heute das vielleicht größte Hindernis auf dem Wege zu wirklich herausragenden Weinqualitäten ist.


Wärme für Kakteen und kühlender Dunst für frische, filigrane Weine: Chiles Klima - hier das Casablanca-Tal - ist so vielfältig wie das weniger anderer Länder.

Zwar werden die einfachen Konsumweine des Landes oft noch wie früher gemacht, aber in vielen der Spitzenweingütern Chiles vollzog sich in den letzten Jahren eine technologische Revolution, die der Entwicklung ähnelte, welche Italien zehn oder zwanzig Jahre zuvor absolviert hatte. Eine Reihe moderner, eleganter Produkte entstanden, und es war bestimmt kein Zufall, dass bei dieser Entwicklung Kapitalgeber aus der europäischen und amerikanischen Weinwirtschaft das Sagen hatten. Chile wurde zum Tummelplatz des Gotha der Weinwirtschaft der Alten und Neuen Welt. Die Rothschilds aus Bordeaux, Bruno Prats vom berühmten Château Cos d’Estournel, William Fèvre aus dem Burgund, die kalifornische Kellerei Robert Mondavi, Miguel Torres aus Spanien, die Likörfirma Grand Marnier, Augustin Huneus von Freemark Abbey im Napatal und viele andere investierten massiv und verhalfen dem chilenischen Weinbau zu ersten internationalen Erfolgen.

Paradoxerweise hatte ausgerechnet der drastische Rückgang des chilenischen Pro-Kopf-Verbrauchs in den siebziger und achtziger Jahren diesen Durchbruch begünstigt, da er die alteingesessenen Kellereien zum Schritt auf die Exportmärkte und damit zur Suche nach ausländischen Partnern und zum radikalen Wandel in Weinberg und Keller zwang.

Geographische Ausnahmelage und gutes Klima

Wirklich günstige Voraussetzungen für den Weinbau herrschen beileibe nicht in ganz Chile, sondern nur im mittleren Teil des fast 5.000 Kilometer langen Landes – das entspricht der Entfernung von Sizilien bis zum Nordkap –, das nur 180 Kilometer breit ist und im Westen an den kalten Pazifik, im Osten an die über 6.000 Meter hohe Andenkette grenzt. Der Norden, wo vor allem Bergbau betrieben wird, ist ungemein heiß und bringt nur Tafeltrauben und Trauben zum Pisco-Brennen – Pisco ist ein chilenischer Brandy, der ähnlich wie Cognac hergestellt wird – hervor. Im Süden dagegen hört das Land erst kurz vor der Antarktis auf, und entsprechend kalt ist es hier.

Im Zentrum des Landes dagegen, zwischen dem 32. und 38. Breitengrad, herrscht ein gemäßigtes bis warmes Klima. Die eigentliche Weinbauzone erstreckt sich daher nur von Valparaiso im Norden bis nach Concepciòn im Süden, und ist etwa 500 Kilometer lang. Vor allem das Zentral-Tal, das zwischen die Anden und das 500 bis 800 Meter hohe Küstengebirge eingebettet ist, wird von riesigen Rebfeldern bedeckt, deren Bewässerung durch die Anden-Flüsse gesichert wird. Die geographische Lage entspricht, auf Europa übertragen, ungefähr der des südlichen Mittelmeerraums, das Klima ist aber dem von Bordeaux oder Mittelitalien ähnlicher. [...]

Tag(s): Chile

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