WorldWine Reportage

Mai 2003

Neue Welt mit Charme - Hunter Valley

von Eckhard Supp

 

 
 
Industrielle Massenware? Schwerfällige, alkohollastige Weine? Wenig individuelle und charaktervolle Produkte? Australiens Weine sind auch in Deutschland erfolgreich wie nie zuvor, kämpfen aber auch gegen Vorurteile, wie die kaum eines anderen Weinbau-Landes. Auch wenn diese vielleicht teilweise zutreffen – es gibt noch ein anderes Australien! Das des Hunter Valley beispielsweise, in dem einige der ausdrucksvollsten Weine des Landes entstehen.
 
 

Blick über die Weinberge zwischen Evans Family und
The Rothbury Estate. (alle Fotos: E. Supp)

Ein Weingut soll das sein, und auch noch eines der besten? Dieser unscheinbare, graue Bau mit seinen zwei Schuppen und drei Bäumen mitten zwischen den geschäftigen Greens eines gigantischen Golf-Komplexes, dessen Elektrokarren fast ununterbrochen den Staub der Schotterstraße aufwirbeln? Ein Schild vor den großen Wildgattern beseitigt jedoch rasch alle Zweifel: „Chateau Pato. Visits by appointment only“, steht da unübersehbar! Australiens Hunter Valley, eines der traditionsreichsten Weinbaugebiete des fünften Kontinents, nicht einmal zwei Autostunden nördlich der Olympiastadt Sydney gelegen, steckt wirklich voller Überraschungen.Helen Paterson, die Hausherrin auf Pato, ist eine energische, aber auch ungemein charmante Frau. Besucher warnt sie schon bei der Ankunft: „Eigentlich habe ich gar keinen Wein mehr zu verkaufen!“, aber eine Handvoll Flaschen findet sich dann doch, auch wenn Helen sie nur widerstrebend hervorkramt – fast so als seien es die eigenen Kinder, die man ja auch nur ungern ziehen läßt!

 Pioniere

Dafür aber kann die famose Winzerin umso besser erzählen: Immerhin hat sie wie kaum ein anderer im Tal die Geschichte des Hunter-Valley erlebt und erlitten. Vor zwanzig Jahren schon zog es Helen und ihren vor einigen Jahren verstorbenen Mann David – sein Spitzname „Pato“ stand dem Weingut Pate – von Sydney hierher. Pioniergeist und Handarbeit waren zu jener Zeit noch unabdingbare Voraussetzungen, und in Ermangelung größerer finanzieller Ressourcen legten Helen und David eben selbst Hand an, wo immer es Arbeit gab. Schicksalsschläge blieben natürlich nicht aus, aber selbst die Tatsache, dass die Reben das erste Jahr nicht überlebten – Trockenheit vernichtete den jungen Weinberg mit Stumpf und Stiel – entmutigte die beiden Sydneysider nicht.


Helen Paterson, die Hausherrin auf Chateau Pato

Die Weine von Chateau Pato – Shiraz, Pinot noir und Gewürztraminer, die inzwischen legendären Ruf besitzen – wurden damals wie heute "the old fashioned way" gemacht, wie Helen gerne betont: Handlese und offene Bottichgärung, manuelles Unterstoßen des Tresterhuts, wie im Burgund, keine Filtration und Hektarerträge, die jeder Idee von Rentabilität Hohn zu sprechen scheinen. Die Resultat aber sind spektakulär! So wie beim Shiraz, einem Wein von dichtem, fast undurchdringlichem Purpurrot, mit üppigem Duft nach Brombeeren, Cassis und Süßholz sowie einem reichen, fruchtigen Körper, der viel Eleganz und Länge im Abgang bietet.

 Shiraz und Sémillon

Wie in vielen australischen Weinbaugebieten ist der Shiraz, die französische Syrah-Traube, auch im Hunter Valley die meistverbreitete und wohl auch beste Rotweinsorte. Im Gegensatz aber zum heißen Landesinneren und Südaustralien, wo die Weine der Sorte eine enorme Wucht und Kraft entwickeln, zeigen sich sich hier, unter dem mildernden Klimaeinfluss des nahen Meeres, von einer eleganteren, filigraneren Seite und besitzen enorme Langlebigkeit.

Das kleine Chateau Pato, wo heute Sohn Nicholas die technische Verantwortung übernommen hat, ist nicht nur wegen des Pioniergeistes seiner Gründer typisch für das Hunter Valley. Neben den bekannten Großkellereien, die in den letzten Jahrzehnten den Ruf der Region und des des australischen Weins generell begründeten, den Rothbury, Lindemans, Mount Pleasant, Tyrell’s, Rosemount oder Wyndham, findet man hier nämlich auch mehr als 100 mittlere und kleine „wineries“, Betriebe, die ihre Weine meist nur an der „cellardoor“ – so nennt man in Australien die Probier- und Verkaufsstuben – an Stammkunden verkaufen.

Eine dieser so genannten Boutique-Wineries, genauer gesagt die erste der Art und bereits 1963 gegründet, gehört Stephen Lake, dessen Vater Max hier seinerzeit die ersten Reben setzte. Lake’s Folly, Lakes Verrücktheit – der Name der kleinen Weinfarm, deren weißgestrichene Gebäude am Eingang von Broke Road, der Hauptstraße des Wein-Valley, zum Besuch einladen, ist so etwas wie ein Programm! Eine Verrücktheit war es schon, daß Stephen 1977 ohne jegliche Vorkenntnis in den väterlichen Betrieb einstieg und dessen Leitung 1982 übernahm. Wirklich verrückt muß eingefleischten Hunter-Kennern auch die Weinpalette des Gutes vorkommen, wo von Anfang an mit Cabernet und Chardonnay lediglich zwei Sorten kultiviert wurden, die noch dazu in der damaligen Zeit im Tal Raritäten waren. Last but not least macht auch der knurrige, brummelnde Winzer dem Namen des Guts alle Ehre, der in seinem fast vorsintflutlich wirkenden Keller exzellente Weine macht, von denen vor allem der Cabernet mit seinen Zedernaromen und der klassischen, festen Struktur sehr europäisch wirkt.

 Falscher Riesling

Im Gegensatz zu Kalifornien hat Australien sein Weinbau-Image nicht auf Chardonnay und Cabernet, die Starsorten des internationalen Weinbaus der achtziger und neunziger Jahre gegründet. Statt dessen setzte man hier vor allem auf Semillon, wobei allerdings in jüngster Zeit die Chardonnay-Kulturen derart expandierten, daß dieser zumindest von seiner mengenmäßigen Führungsposition verdrängt wurde. [...]


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