WorldWine Reportage

Juni 2002

Rioja 2002: Zwischen Tradition und Moderne

von Dagmar Ehrlich

 
 
Moderne und Tradition im Rioja - ein Widerspruch   Mit modern vinifizierten Terroir-Weinen kehrte La Rioja zurück in die Phalanx der spanischen Topregionen. Dennoch blieben bis heute einige, auch renommierte Weingüter dem traditionellen Rioja-Ausbau treu. Wie seit über 100 Jahren reifen ihre Weine je nach Qualität lange bis sehr lange im kleinen Holzfäßchen. Für Eleganz und Kompexität, sagen sie. Die neue Winzergeneration hingegen setzt auf Konzentration und Terroir. Beide Stilrichtungen, so konträr sie auch erscheinen mögen, nebeneinander zu probieren, ist für jeden Weinfreund eine echte sensorische Herausforderung.
 

 

Die Moderne kam vor gut zehn Jahren. Damals entwickelten einige Weingüter Alternativen zum lang gepflegten Weinstil. Nicht nur im Weinberg suchten sie neue Wege, auch im Ausbau wandten sich die „bodegueros“ zeitgemäßeren Methoden zu. Sie reduzierten den Ertrag und selektierten nur die besten und reifsten Trauben. Vergoren wird heute nur noch der Vorlaufmost, also der Mostanteil, der ohne Druck aus der Presse läuft. Der wird dann nicht mehr in alten Steinwannen oder riesen, hölzernen Bottichen, sondern temperaturkontrolliert in Stahltanks vergoren.


Herbstliche Stimmung bei El Villar de Arnedo (Fotos: E. Supp)

Auf der anderen Seite stehen die Traditionsgüter. Sie sehen sich als Bewahrer eines Stils, der 1890 vom französischen Önologen Jean Pineau, Gründer des Weingutes Rioja Alta, eingeführt wurde. Als erster verwendete er statt großer Holzfässer Barriques alias „barricas“. Klassische barricas sind aus amerikanischer Eiche gefertigt und nur halb so teuer wie französische Fässer, die allerdings dem dem Wein jene süßen Holznoten verleihen, die zum Rioja moderner Stilrichtung und seiner beerigen Frucht so gut passen.  Ein solcher Rioja erstrahlt in der Regel bald nach dem Öffnen der Flasche, der traditionelle Wein hingegen braucht Zeit. Nur sehr langsam öffnet er sich, zeigt manchmal erst nach Stunden seine imposante Länge und bleibt dabei doch frisch.

Ob nun traditionell oder modern gemacht, für alle Vinos de Rioja gelten amtlich festgelegte Qualitätsstufen, denen die Reifezeit im Fass und auf der Flasche zugrunde liegt. Ein junger Rioja, der Joven wird bereits im Jahr nach der Ernte als einfachster Rioja verkauft. Die Bezeichnung Garantía de origen auf dem Rückenetikett regelt seine Herkunft. Damit ein Rotwein die Bezeichnung Crianza führen darf, muss er mindestens zwölf Monate  im 225 Liter-Fass reifen. Verkauft werden darf er erst im dritten Jahr nach der Ernte.

Kürzere Lagerzeiten

Eine Reserva dagegen reift wenigstens zwölf Monate im Fass, anschließend noch zwei Jahre in der Flasche und kommt frühestens im vierten Jahr nach der Lese in den Handel. Eine Gran Reserva wiederum bleibt sogar 24 Monate im Holzfass und weitere 36 Monate in der Flasche. Das bedeutet für die höchste Qualitätsstufe mindestens fünf Jahre Reife, die von Traditionsgütern oft sogar noch überschritten werden. Eine lange Lagerzeit, so meinen sie, stärkt die Tanninstruktur und verfeinert die Frucht des Weins. Erst dadurch entwickele ein Rioja seine Komplexität und Tiefe.


Calahorra, eines der regionalen Zentren der Rioja-Produktion

Modern geführte Weingüter dagegen verzichten bewusst auf die Angabe der Qualitätsstufe Reserva oder Gran Reserva. Sie füllen ihre Weine als Crianza, die besten zusätzlich noch unter dem Namen der Lage ab und geben sie früher für den Verkauf frei als die Klassiker.

Auch in der Rebsorten-Zusammensetzung der Weine hat sich Einiges getan. Zwar ist die wichtigste Sorte immer noch Tempranillo, gefolgt vom Mengenführer Garnacha, von Mazuelo und Graciano, aber in der Cuvée der modernen Weine findet man immer häufiger auch Cabernet Sauvignon und sogar Merlot.

Neues Geschmacksbild

Nur wenige Weinfreunde nehmen sich heute noch die Zeit abzuwarten, bis sich ein Wein entwickelt hat. Mit einer Mischung aus Ungeduld und Lust auf guten und schnellen Genuß wird der Korken immer schneller gehoben. Tiefdunkel sollte der Wein sein, und nicht hell wie ein alter Gran Reserva im Glas stehen. Nach voller Beerenfrucht, edlem Holz und reifen Tanninen soll er duften und schmecken: ganz im Stile der Rotweine hochgerühmter Pioniere aus Ribera del Duero oder Priorato, deren Pioniere Alejandro Fernández, Peter Sisseck, Telmo Rodriguez und Alvaro Palacios Spanien in den neunziger Jahren ein neues Geschmacksbild verpassten – ein Geschmacksbild, das ankommt.

Parallelen zur Entwicklung in Italien, zu Chianti Classico, Brunello di Montalcino und Barolo drängen sich auf. Insgesamt gesehen hat Rioja an Qualität und Image gewonnen. Oder hat er doch verloren? Einen Hauch von Charakter, Authenzität und Eigenwilligkeit vielleicht?

Tag(s): Rioja, Spanien

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