WorldWine Reportage

Februar 2003

Südtiroler Ureinwohner

von Erich Grasdorf †

 
 
Der Autochthone ist griechisch und laut Lexikon ein Ureinwohner, ein Alteingesessener. Autochthone Rebsorten sind also solche, die in einer bestimmten Gegend schon seit Urzeiten angebaut werden. Dass diese Reben sich immer mehr Freunde machen, hat nichts mit Heimatschutz zu tun, sondern damit, dass die daraus gewonnenen Weine sich vom internationalen Mainstream durch einen eigenständigen Charakter abheben und überraschende Geschmackserlebnisse vermitteln: "Aha, so kann Wein also auch sein."
 
 

Bozen mit den Weinbergen des Sankt Magdaleners
(alle Fotos: E. Supp)

Südtirol ist die Heimat von Gewürztraminer, Vernatsch und Lagrein. Ganz so sicher ist das beim Gewürztraminer jedoch nicht. Tatsächlich wurde der Traminer in und um Tramin schon vor 1000 Jahren kultiviert. Nur eben: Der Traminer - ohne "Gewürz" davor. Denn der Ur-Traminer neigt wie der Pinot zur Mutation. Ob er identisch ist mit dem Gewürztraminer, der ursprüglich wohl aus dem Rheingau oder der Pfalz stammt, ist umstritten.
Man muss Gewürztraminer nicht in den Mund nehmen, um ihn zu erkennen. Sein Rosenduft ist überwältigend. Wie alles an diesem Wein: die tiefgelbe Farbe, das oppulente Aroma, der volle Körper und oft auch der Alkoholgehalt. Man sagt dann in Italien, er habe "tanto di tutto", viel von Allem. Das lässt sich zum Beispiel vom Nussbaumer Gewürztraminer der Kellerei Tramin sagen: Ein sehr komplexer, harmonischer Wein, mit üppigem Rosenaroma, in den sich Noten von exotischen Blüten mischen. Er ist vollmundig, hat Säure und einen imposanten Abgang. Ebenfalls den typischen Duft verströmt der Kastelaz Gewürztraminer von Elena Walch. Er ist vollmundig und bleibt einem lang. Nicht ganz so ausgeprägt dagegen, eher dezent und mittelgewichtig, dafür mit Finesse und Eleganz ausgestattet ist der Kolbenhof Gewürztraminer vom Weingut Josef Hofstädter. Da treffen zwei verschiedene Stilrichtungen aufeinander.

 Vernatsch alias Trollinger

Der Vernatsch wird im Trentino Schiava genannt, in Württemberg Trollinger, wohl von Tirolinger. Aus Vernatsch wird der Grossteil der Südtiroler Rotweine gekeltert. So der Kalterersee und der St. Magdalener. Lesen Sie bitte trotzdem weiter! Denn der Vernatsch ist zwar nie schwergewichtig, aber für einige bekömmliche Weine gut, die nicht nur zu Südtiroler Speisen passen. Was in einem Vernatsch alles stecken kann, zeigt Graf Franz Pfeil vom Ansitz Kränzl mit seinem 2000er Baslan: dezente Kirschenaromen mit würzigen Noten, mittelgewichtig und mit guter Säure, fruchtig und ausgewogen. Auch der St. Magdalener Premstallerhof des Jahrgangs 2001von der Weinkellerei Rottensteiner hat den typischen Kirschenduft mit einem Hauch von Mandeln, eine saftige Säure und ein feinherbes Tannin. Ein kräftiger, charaktervoller Wein.


Die Dörfer der Weinstraße, wie sie der Reisende kennt. Hinter den traditionsreichen Fassaden verstecken sich seit langem modernste önologische Technik und eine Gastronomie von Spitzenniveau.

Ein wirklicher Autochthoner, den man sonst nirgendwo sonst antrifft, ist der Lagrein. Rund um den Bozener Stadtteil Gries und im Südtiroler Unterland liefert diese edle Rebsorte die Trauben für einige ganz grosse Rotweine. Aus besten Lagen stammt der 99er Lagrein Riserva der Klosterkellerei Muri-Gries. Das ist eine Gründung Schweizer Benediktiner, die nach der Säkularisierung der Abtei Muri ins Südtirol emigrierten. Es leben immer noch Schweizer Patres dort, doch als Kellermeister amtiert ein weltlicher Südtiroler: Christian Werth. Zum Wein: Seine Farbe ist schwarzrot und undurchdringlich. Fast dezente Aromen von schwarzen Beeren mit würzigen Noten lassen nicht sofort darauf schliessen wie vollmundig und konzentriert diese Riserva ist. Die Säure und das hervoragend integrierte Tannin verbinden sich zu einem eleganten, strengen Wein mit grossem Alterungspotenzial. Eine ebenso gesicherte Zukunft dürfte der 98er Porphyr der Kellerei Terlan haben. Der komplexe, imposante Wein von dunklem Rot überzeugt ebenfalls mit gut eingebundenem, kräftigem Tannin und saftiger Säure. Der Nase bietet er den Duft von schwarzen Steinfrüchten und Röstnoten.

 Die Kellereien dominieren

Das Alto Adige, wie es auf Italienisch heisst, ist eines der ältesten Anbaugebiete Europas. Bereits die Alten Römer schwenkten sich den Wein aus der damaligen Provinz Rätien in die Toga. Das Südtirol ist zudem eine der kleinsten Weinbauregionen des Landes. Lediglich 5.000 Hektar Rebberge liegen auf 900 bis 2.000 Metern Höhe in den Tälern längs der Etsch zwischen Meran und Salurn und entlang der Eisack zwischen Brixen und Bozen.  Der Wein setzt 10.000 Südtiroler ins Brot. Sie arbeiten in 5.000 Betrieben, darunter 16 Kellereigenossenschaften, etwa 40 privaten Kellereien, und unzähligen kleinen Weinbaubetrieben. Zusammen produzieren sie jährlich 400.000 Hektoliter Weiss- (35%) und Rotwein (65%).

Das Herz des modernen Südtiroler Weinbaus liegt im Gebiet des Überetsch, einer kleinen Hochebene oberhalb des breiten Tals des Etsch südlich von Bozen, der Provinzhauptstadt. Daneben wachsen noch im Bereich zwischen Terlan und Meran, Etsch-aufwärts gelegen, im Vinschgau um Meran selbst, im Eisacktal nördlich von Bozen sowie an den Hängen oberhalb der Stadt,und schließlich im Gebiet von Mazzon am linken Etsch-Ufer Trauben für herrliche, Weiß- und Rotweine, wobei all diese Gebiete aber nicht an die Qualitätsdichte und den Bekanntheitsgrad des Überetsch heranreichen.

Die natürlichen Bedingungen für eine große Wein-Vielfalt sind ideal: Die Bandbreite der Bodenarten reicht vom fruchtbaren Schwemmland des Etschtals bis hin zu den Verwitterungsböden der Dolomitenhänge, und was das klimatische Umfeld betrifft, so genießt Südtirol einerseits mediterrane Wärme mit jährlich rund 2.000 Sonnenstunden, während andererseits das Hochgebirgsklima mit seinen sehr kühlen Nächten dafür sorgt, dass die Trauben viel Aromastoffe ausbilden und finessenreiche Weine mit schönem Bukett geben.

Von frischen, spritzigen und aromatischen Weißweinen reicht das Spektrum bis hin zu kräftigen, festen und alterungsfähigen Rotweinen. Dabei geht der Trend schon seit langem weg von allzu einfachen, lieblichen Weinen hin zu Gewächsen, die mit ihrer Vielschichtigkeit und ihrer Ausdruckskraft den Vergleich mit den besten toskanischen oder Piemonteser Weinen nicht zu scheuen brauchen. Die besten stammen aus so genannten internationalen Sorten, den roten Cabernet Sauvignon und Spätburgunder sowie den weißen Chardonnay und Sauvignon blanc.


Die Hochebene des Überetsch bildet das Kernstück
des Südtiroler Weinbaus. Von hier stammen die
meisten Top-Weine der Region.

Um diese exzellenten Weine überhaupt erzeugen zu können, mussten die Südtiroler allerdings nicht nur ihre Kellertechnik, sondern vor allem ihre Weinbau-Philosophie einem radikalen Wandel unterziehen. Anstatt wie bisher das Schwergewicht der Arbeit auf die Erzeugung großer Mengen zu legen, bekehrten sie sich zu strengen Mengenbegrenzungen, der wichtigsten Voraussetzung für hochwertige Weinqualitäten. Gleichzeitig pflanzten Sie weithin die erwähnten internationalen Rebsorten aus und ersetzten die traditionellen Pergeln durch moderne Rebspaliere, wie man sie in anderen Weinbaugebieten der Welt kennt. [...]


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