WorldWine Reportage

Dezember 2002

Verwöhnter Nordwesten

von Eckhard Supp

 

 
 
Der Weinbau im amerikanischen Nordwesten ist sehr viel jünger als der im südlichen Kalifornien, hat aber in den letzten Jahren eine fast unglaubliche Expansion erlebt. Washington State, wo europäische Kulturreben noch vor wenigen Jahrzehnten fast unbekannt waren, ist heute der zweitgrößte Weinerzeuger der USA, und die Weine des Staates genießen in Amerika so etwas wie Kultstatus: Preise von 60 Dollar und mehr pro Flasche sind keine Seltenheit. Obwohl das Potenzial des Weinbaus in Washington unbestritten ist, lässt das Qualitätsniveau der Weine noch manche Frage offen. Für die erfolgsverwöhnten Winzer könnte der Moment der Wahrheit gekommen sein.
 
 

 


Weinbau im Wüstenklima, das Columbia-Valley-Gebiet in Washington State ( Fotos: E. Supp)

“Walla, Walla, Walla, Walla …”. Was wie schlechte Faschings-Kreativität klang, war in Wirklichkeit banale Realität. Insgesamt sechs Mal war das merkwürdige Wort auf dem Etikett einer der Flaschen unserer kleinen Verkostung zu lesen: als Herkunftsbezeichnung, als Sitz des Erzeugers und schließlich tauchte es noch im Weinnamen auf. Dabei steht „walla“ in der Sprache der Indianer des amerikanischen Nordwestens für Wasser, Walla Walla bedeutet viel Wasser, und um Wasser zu verkosten, hatten wir die weite Reise ja eigentlich nicht unternommen.

Walla Walla oder balla, balla

Ein wenig „balla, balla“ hatten wir uns kurz zuvor gefühlt – wir, die Gruppe Weinjournalisten aus verschiedenen europäischen Ländern, die auf Einladung der Washington Wine Commission Gelegenheit bekommen sollten, den Weinbau des nordwestlichsten US-Bundesstaats kennen zu lernen, Washington State, wie die Amerikaner ihn zur besseren Abgrenzung von Washington DC meist nennen. „Balla, balla“ fühlten wir uns deshalb, weil die Diskrepanz zwischen den bis zum Anschlag mit riesigen Traubenpaketen vollgepackten Rebzeilen und dementsprechend dünnen, kurzen Weinen einerseits und dem Stolz der Winzer – sie heißen hier nicht zu Unrecht Traubenerzeuger – wie den ebenso stolzen Weinpreisen andererseits kaum zu verstehen war. Süditalienische oder spanische Kooperativen hätten bei vergleichbaren Maximalerträgen für ihre Weine wohl kaum mehr als zwei oder drei Dollar die Flasche erzielt, hier dagegen galten zehn bis 20 Dollar für die Weißen und 20 bis 50 oder gar 60 Dollar für die Roten als absolut normal. Was, um Himmels willen, sollte europäische Verbraucher motivieren, solche Fantasiepreise für mäßige Weine zu bezahlen?


Pionier-Betrieb Chateau Ste Michelle

Zum Glück gab es dann aber auch wirklich gute, dichte und komplexe, fruchtige und strukturierte Weine zu genießen und zu bewundern. Sie zeigten, dass der Weinbau in Washington State nicht ganz zu Unrecht einen guten Ruf genießt. Aber fangen wir von vorne an! Washington State ist der nördlichste US-Bundesstaat an der Westküste und grenzt im Norden an Kanada, im Süden an Oregon, einen weiteren Weinbaustaat, der in jüngster Vergangenheit von sich reden gemacht hat. Auch wenn es die geografische Lage suggeriert: Washingtons Weinbaugebiete sind alles andere als „cool climate“-Regionen. Weinbau wird hier fast ausschließlich im Hinterland getrieben und gut 99 Prozent der Reben wachsen im Einflussbereich des mächtigen Columbia River und seiner Zuflüsse (auf der Karte gelb, s.u.), während der Puget Sound im Umfeld der Hauptstadt Seattle (auf der Karte rot) nur vereinzelte, kleinere Rebflächen besitzt.

Weinbau in der Wüste

Im Unterschied zur kühlen, regenreichen Küstenregion ist das Klima am Columbia River und seinen Zuflüssen – von zwei hohen Bergketten vor dem feuchten Meeresklima abgeschirmt – nämlich heiß und trocken. Nur 160 mm Regen fallen hier im Jahr – in Seattle sind es 1.000 mm und direkt an der Küste sogar mehr als das Fünffache davon – und bis Anfang des 20. Jahrhunderts war in dieser wüstenähnlichen Landschaft an Acker- oder Weinbau überhaupt nicht zu denken. Erst mit dem Aufkommen der künstlichen Bewässerung, die sich der enormen Wassermengen bediente, die der Columbia aus den Rocky Mountains zum Ozean führt, wurde das Gebiet einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeuger der USA, ein wahrer Garten Eden für Äpfel, Gemüse und in neuerer Zeit auch Weintrauben.


Gigantische Trauben-"Wände"
zeugen von viel zu hohen Erträgen

Es sollte bis in die 1960er Jahre dauern, bis europäische Qualitätsreben der Vinifera-Familie am Columbia River Einzug hielten. André Tschelistcheff, einer der Väter der Weinindustrie Kaliforniens, war auch Initiator und önologischer Berater des ersten Qualitäts-Projekts in Washington, Chateau Ste. Michelle, dessen Kellerei allerdings fernab der Weinberge in Woodinville, einem Vorort von Seattle angesiedelt wurde – ein Beispiel, dem viele Kellereigründungen späterer Jahre folgen sollten. [...]


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