WorldWine Reportage

November 2002

Weinbau in den Roaring Fourties

von Erich Grasdorf †

 
 
Tasmaniens Weinbau, jenseits der Grenzen Australiens noch fast gänzlich unbekannt, strebt mit Macht nach nationaler und internationaler Anerkennung. Daran Schuld ist nicht zuletzt eine Reihe von Schweizern. Die Insel im Einflussgebiet der vor allem bei Seglern geführchteten Roaring Forties, der brüllenden Vierziger, genießt ein deutlich kühleres Klima als das australische Festland, vergleichbar mit dem der Champagne. Deshalb werden hier auch Schaumweine produziert. Aber durchaus nicht nur.
 
 
Tasmanien liefert nur etwa 0,3 Prozent der jährlichen Weinproduktion Australiens. Dennoch besitzt die Insel ein großes Potenzial für finessenreiche "cool-climate"-Weine. Hier ein Blick über den Tamar im Norden der Insel. (Foto: Pipers Brook)

 

"Wenn Franzosen statt der Engländer Tasmanien kolonialisiert hätten, wäre heute sicher ein grosser Teil der Insel mit Reben bedeckt", sagt Hans-Peter Althaus. "Die hätten erkannt, was in diesem Land steckt." Althaus, der als Mitvierziger mit dem Gedanken spielte, seinen Job bei IBM aufzugeben und sein weiteres Leben als Winzer zu verbringen, kam 1988 erstmals nach Tasmanien. Auf der Suche nach einem Ort, an dem er seinen Traum verwirklichen konnte, hatte er schnell gemerkt, dass ihm sein Vorhaben auf der südlichen Erdhalbkugel leichter fallen würde als im dicht besiedelten Norden.

Tatsächlich hatten Franzosen die Insel im Südosten Australiens ja vor den Engländern erforscht. Diese jedoch kamen ihnen als Siedler zuvor und gründeten Hobart, die zweitälteste Stadt des Landes nach Sydney. Und so wurden statt Reben eben Hopfen und Gerste angebaut - mit dem Ergebnis, dass in Tasmanien heute eines der weltweit besten Biere gebraut wird, das Boag's Premium.

Cabernet im Coal River Valley

Nur eine halbe Autostunde entfernt von Hobart fand auch Althaus das Land seiner Träume. 1989 bot sich ihm und seiner Frau Ruth die Gelegenheit, ein Weingut namens Stoney River im Coal River Valley zu kaufen – und die beiden griffen zu. Das Weinbaupotenzial der Gegend hatte bereits 1973 der Hobbywinzer George Park erkannt, der den 20-Hektar-Besitz zuerst erschloss und einen sonnigen, steinigen Nordhang des Gutes mit Reben bestockte. Auf zunächst nur einem halben Hektar setzte er insgesamt 18 Sorten, um deren Potenzial zu testen. Für Althaus war dies die ideale Ausgangsbasis. Er konnte auf den Erfahrungen Parks aufbauen und war sicher, hier genau den Platz gefunden zu haben, wo er "einen der besten Weine der Welt" machen konnte.

   
 
   
 

Weinbau auf Tasmanien

Wer Tasmanien auf der Landkarte sucht, wird im Südosten des australischen Festlandes fündig. Vor 200 Jahren siedelten die ersten freien Schafzüchter auf der Insel, die vordem eine Strafkolonie war und Van Diemens Land hiess. 1820 wurden bei Hobart die ersten Rebgärten für den Eigenbedarf angelegt. Auf kleinstem Raum wurden 48 Rebsorten angepflanzt, darunter auch der Schweizer Räuschling. 1885 dann startete der Seidenhändler Diego Barnacchi ein erstes kommerzielles Projekt auf Maria Island. Unter der Leitung des Schweizers Martin Zanolla (vormals Château Lafite) wurden 50 000 Rebstöcke gesetzt. Sie stammten vom Weingut eines anderen Schweizers, des Unternehmers Hubert de Castella aus Victoria. Zehn Jahre später wurde der Versuch allerdings wieder abgebrochen.

1956 wagte der Franzose Jean Miguet im Nordosten der Insel einen Neubeginn. Doch es gelang ihm in 17 Jahren nicht, einen Markt für seine Weine aufzubauen. Miguet verliess Tasmanien wieder, hinterliess jedoch einen Weinberg, der noch heute in Ertrag steht. Die jetzigen Besitzer gaben ihm einen neuen Namen: Providence. Zwei Jahre nach Miguet legte der Textilindustrielle Claudio Alcorso einen Versuchsweinberg bei Hobart an. Dieses Projekt war endlich erfolgreich: Moorilla Estate ist heute einer der grössten und renommiertesten Weinbaubetriebe Tasmaniens. Auch im Norden der Insel, in Legana bei Launceston, wurde ab 1966 versucht, Qualitätsweine zu produzieren. 1974 kamen weitere Rebflächen am Pipers Brook dazu. Daraus entwickelte sich die Kellerei gleichen Namens - inzwischen die Nr. 1 in Tasmaniens.

Im Vergleich zum australischen Festland, mit seinen zum Teil sehr heissen Anbaugebieten, gilt Tasmanien als Region für "Cool Climate"-Weine eher europäischen Zuschnitts. Tiefere Temperaturen bedeuten generell längere Reifezeiten. Und die bekommen Rebsorten wie dem Pinot Noir besonders gut. Da Pinot Noir mit Chardonnay zu den klassischen Champagner-Sorten gehört, deckten sich grosse und grösste australischen Weinproduzenten wie Taltarni und BRL Hardy in Tasmanien mit Grundweinen für ihre Sparklings ein. Noch heute wird ein Grossteil der tasmanischen Weine auf dem Festland versektet. Der tasmanische Weinbau konnte sich in den letzten zehn Jahren nur deshalb entwickeln, weil auf diese Art die Abnahme eines Teils der Ernte gesichert war.

Von den Stillwein-Lieferanten werden inzwischen eigene Marken aufgebaut. So bei Clover Hill. Dort wird einerseits ein Schaumwein unter eigenem Label produziert. Andererseits liefert Clover Hill ein Viertel der Grundweine für die Spitzen-Cuvée der Muttergesellschaft Taltarny in Victoria. Andere, aufstrebende Betriebe, die oft nur über wenige Hektaren verfügen, haben sich aus den Kontrakten mit den Grossen ganz gelöst. Tatsache ist aber, dass viele der kleinen Winzer erst auf Landwein-Niveau angekommen sind.
 
 
   

Ruth und Hans-Peter Althaus kamen Ende 1989 mit einem nur sechs Monate gültigem Touristenvisum auf ihrem neuen Besitz an. Bereits im darauf folgenden Jahr pflanzten sie zwei Hektar Cabernet Sauvignon und Cabernet franc und begannen mit dem Bau des Kellers samt Labor, Werkstatt und Verkaufsräumen. 1991 war der Bau beendet und weitere fünf Hektar wurden mit Cabernet Sauvignon, Merlot und Petit Verdot bestockt, später dann noch einmal drei Hektar mit Pinot Noir und Cabernet. [...]


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