WorldWine Reportage

Dezember 2001

Weinberg in Not - Der Homburger Kallmuth

von Stefan Reinhardt

 
 
Der Homburger Kallmuth gehört zu den ältesten und beeindruckendsten terrassierten Weinbergslagen Deutschlands. Seinen 900. Geburtstag feiert man nicht sorglos, denn seine Mauern bröckeln und müssen umfassend und nachhaltig saniert werden.
 

 

Mächtig und urwüchsig schroff erhebt sich der Kallmuth über die hügelige Landschaft bei Wertheim am Untermain. Wie eine antike Zuschauertribüne steigt der Gebirgsstock zwischen Lengfurt und Homburg am linken Ufer des Mains bis auf 285 Meter Höhe herauf. In seinem unteren Drittel befindet sich eine einmalige Weinbergslage, die - wie in den Jahren 2000 und 2001 - fulminante Rieslinge und Silvaner hervorbringen kann.

Seit 1200 Jahren

Bereits seit dem 8. Jahrhundert, so wird vermutet, werden im Kallmuth Reben kultiviert. Der erste urkundliche Nachweis stammt aus dem Jahre 1102. In diesem Jahr feiert daher das Weingut Fürst Löwenstein in Kreuzwertheim, seit 1957 alleiniger Besitzer der Urlage, 900 Jahre Homburger Kallmuth. Nicht ohne Sorgen, denn dem seit 1981 unter Denkmalschutz gestellten Weinberg droht der Verfall, wenn er nicht mit erheblichen finanziellen Mitteln umfassend saniert wird.

Um an den steilen Hängen Weinreben kultivieren zu können, wurden über die Jahrhunderte zahlreiche schmale Terrassen angelegt. Aus handgemeißelten, leuchtend roten Buntsandsteinen gebaut, haben sie  insgesamt eine Länge von 12 Kilometern. Mit den Jahrzehnten sammelte sich durch fortlaufende Erosion in den Ritzen der trocken aufeinander geschichteten Sandsteinmauern Feinerde an. Im Winter, wenn der Sand nass war und nicht mehr trocknete, gefror er, presste die Steine auseinander und sprengt so mit der Zeit das stabile Gefüge. Einige Passagen der unteren Mauern sind bereits zusammengefallen, und auch weiter oben ist der Zustand äußerst kritisch.

Passion und Verantwortung

Eine umfassende Instandsetzung der auf Buntsandstein- und Muschelkalkböden errichteten Anlage ist daher dringend notwendig. Sie ist jedoch enorm kostspielig und von einem mittelständischen Betrieb wie Löwenstein nicht alleine zu finanzieren. Schon der arbeitsintensive Weinanbau ist wirtschaftlich nicht rentabel. Es ist die Passion für die einzigartigen, vom spezifischen Kallmuth-Terroir geprägten Weine und die kulturhistorische Verantwortung, die den Fürsten und seinen Betriebsleiter und Weinmacher Robert Haller antreiben, den Kallmuth nicht verloren zu geben.
Die Kosten für die Gesamtsanierung schätzt Haller grob auf 4,8 Mio. Euro. Ein Drittel der Summe kann das Fürstenhaus selbst übernehmen, ein Teil übernimmt das Bayerische Landesdenkmalamt in München.

Weil aber ein Gesamtfinanzierungsplan nicht existiert, verhandelt das Fürstenhaus jedes Jahr aufs Neue mit möglichen Co-Finanziers: Ein zäher bürokratischer Prozess mit zahlreichen Anträgen, der vielleicht nicht gerade froh, aber doch immerhin ein wenig Hoffnung macht. In diesem Jahr übernimmt die private Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Bonn einen Anteil. „In etwa fünf Jahren“, hofft Haller, „werden wir vielleicht ein Drittel der historischen Mauern wiederhergestellt haben“. Es ist ein bescheidener Anfang, aber immerhin: es ist einer.


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