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19. September 2013

Gorgona - Toskanischer Wein "aus dem Knast"

von Eckhard Supp - Was, bitte schön, ist denn eine "Strafvollzugsinsel"? Das war die erste Frage, die ich mir stellte, als mir kürzlich eine Pressemitteilung der deutschen Agentur von Italiens Traditionskellerei Marchesi de'Frescobaldi "ins Haus flatterte". Von der Strafvollzugsanstalt Gorgona war da die Rede, und von einem Wein der dort gekeltert werde. Natürlich machte mich das neugierig - endlich mal eine Pressemitteilung, hinter der eine echte Story zu stecken schien und nicht nur vollmundiges PR-Geplärre. Die zweite Frage war dann, wie ich an ein Verkostungsmuster des Weins kommen konnte. Aber gehen wir der Reihe nach vor


Auf der "Sträflingsinsel" Gorgona vor der toskanischen Küste erzeugen die Marchesi De'Frescobaldi jetzt einen hervorragenden Weißen - unter der Hülle versteckt sich das eigentliche Etikett (Fotos: Firmenfoto, E. Supp) 

Gorgona, so lernte ich bei meiner Recherche im Internet, ist keineswegs, wie es die Beschreibung als "Strafvollzugsinsel" suggerieren könnte, eine Art Alcatraz in italienischen Gewässern, ein in Beton gegossener, mit Strom und Stacheldraht gesicherter Hochsicherheitstrakt auf kargen Felsen, sondern erst einmal eine der herrlichen Insellandschaften im Naturschutzgebiet des toskanischen Archipels, zu dem auch Capraia, Pianosa, Elba, Giglio (sic! War da nicht was?), Giannutri und Montecristo gehören. Es ist eine Insel, die schon in Dantes "Inferno", dem ersten Teil der Göttlichen Kommödie, eine Rolle spielt, die immerhin einige Dutzend "echter" Einwohner, meist Fischer, zählt, zur Gemeinde Livorno gehört und ... und eben auch ein Gefängnis, oder besser eine Art Resozialisierungsknast beherbergt.

Die Insassen dieses Gefängnisses, die mit Hilfe landwirtschaftlicher Arbeit wieder an das Leben in Freiheit herangeführt werden sollen, produzierten bereits seit 2001 mit eher mäßigem Erfolg einen Wein: einen Weißen aus den einheimischen Rebsorten Vermentino und Ansonica (Inzolia). Der Wein war nicht der Rede wert, so lange jedenfalls, bis 2011 die Direktorin des Gefängnisses, Maria Grazia Giampiccolo, zur Überzeugung gelangte, dass man aus diesem Wein man mehr machen könne. Gedacht, getan, und in Lamberto Frescobaldi, der übrigens erst vor wenigen Tagen zum Chef des Florentiner Weinhauses der uralten Adelsfamilie gekürt wurde, fand sie einen interessierten Partner, der seinen Önologen (Niccolò d'Afflitto) und weitere Partner und Sponsoren mitbrachte. Die nahmen die Weinproduktion im Knast unter ihre Fittiche - und garantierten den beteiligten Knackis auch eine Weiterbeschäftigung nach der Entlassung.

So weit die Story. Und der Wein? Nun, der wird offenbar in so kleinen Mengen (2.700 Flaschen) produziert, dass weder die Agentur noch das Haus Frescobaldi selbst eine Flasche zum Verkosten zur Verfügung stellen wollte, durfte. Nun habe ich nicht umsonst lange in Italien gelebt, und solche Hindernisse gehören dort zum Alltag. Jedenfalls konnte ich mithilfe einiger E-Mails und Telefonate schließlich doch eine Flasche des edlen (die Flasche wird in einer Holzkiste und einem minimalistisch gestalteten, durch ein Siegel zusammengehaltenen "Umschlagsetikett" geliefert, unter dem sich das eigentliche Label verbirgt), raren und teuren (ca. 65,- EUR) Rebensafts auftreiben, und es hat sich gelohnt. Wer immer bisher behauptete, die Toskana könne keine großen Weißweine erzeugen, wird über dieses Urteil noch einmal nachdenken müssen: Von schönem Strohgelb in der Farbe, mit Nüssen Banane, Pilzen und Unterholz im Duft, saftig und dicht, sogar leicht lakritzig am Gaumen, zeigt der Gorgona cremige Konsistenz und junge Tannine, und besitzt, trotz seiner nur 12,5 "leichten" Volumenprozent Alkohol Potenzial zum Reifen.

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