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Der Wein - Basiswissen (3)

 Was ist Wein? (C)


Alle Fotos: © Eckhard Supp

 

Die Reblauskatastrophe

Europas Weinbau stand in voller Blüte – in Frankreich sprach man von einem „âge d’or", einem goldenen Zeitalter, in Deutschland wurden die ersten Winzergenossenschaften und Weinbauschulen gegründet und Italien war mit Weinen wie Barolo oder Brunello auf den Zug des modernen Qualitätsweinbaus aufgesprungen –, als er von der wohl größten Plage seiner Geschichte heimgesucht wurde. Ihr Auslöser war ein kleines Insekt namens Reblaus, wissenschaftlich unter anderem unter dem bedrohlich klingenden Namen „Phylloxera vastatrix" bekannt.


Nur wenige Rebflächen entgingen im 19. Jh. der Vernichtung durch die Reblaus - darunter auch große Flächen in Südaustralien (im Bild der Weinberg Hill of Grace im Eden Valley), wo man heute noch ungepropfte, fast 150 Jahre alte Rebstöcke der französischen Sorte Syrah - für die Australier Shiraz - finden kann.

Nachdem bereits Mitte des 18. Jahrhunderts die Rebkrankheit Echter Mehltau aus Nordamerika nach Frankreich eingeschleppt worden war, trat das kleine Insekt, das die Wurzeln von Rebstöcken angreift, zum ersten Mal 1863 an der südlichen Rhône auf, wohin es ebenfalls über die Wurzeln amerikanischer Reben aus dem Nordosten der USA gelangt war, die sich ein sammel- und experimen-tierwütiger Winzer hatte schicken lassen. In wenigen Jahrzehnten zerstörte die gefräßige Laus nicht nur einen Großteil der europäischen Rebkulturen, sondern entfaltete ihr unheilvolles Werk auch zahlreiche Anbaugebiete der Neuen Welt, vor allem in Südafrika, an der Westküste der USA (Kalifornien) und Teilen Australiens. Obwohl man bereits 1868 im Prinzip wusste, wie die Plage bekämpft werden konnte – es reichte, die europäischen Qualitätsrebsorten auf reblausresistente amerikanische Wurzelstöcke, soge-nannte Unterlagsreben oder Unterlagen aufzupfropfen –, nahm der Schaden unvorstellbare Ausmaße an: Allein in Frankreich wurden 2,5 Mio. Hektar Rebfläche vernichtet, und die Weinproduktion des Landes ging in 15 Jahren um zwei Drittel zurück.

Auch nachdem Europas Rebstöcke wieder gesundet waren, standen weiterhin harte Zeiten an. Wirtschaftskrisen und Kriege des beginnenden 20. Jahrhunderts verhinderten einen wirklichen Aufschwung der Weinindustrie, und die Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkriegs erlebten den Siegeszug eines Weinbaumodells, das ausschließlich auf die Erzeugung größter Mengen, nicht aber hochwertiger Weine ausgerichtet war. Mechanisierung und Industrialisierung waren die Zauberworte der 1950er-, 1960er und 1970er-Jahre.

Die Neue Welt setzt Maßstäbe

Erst im letzten Vierteljahrhundert des Jahrtausends sollte das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen. Die Entwicklungsdynamik im Weltweinbau war seit den 1960er-Jahren schrittweise von der Alten auf die Neue Welt übergegangen, und von hier kamen in der Folge auch die entscheidenden Impulse zu einer breiten Qualitätsoffensive. Kalifornische Pioniere wie Bob Mondavi und Joe Heitz oder auch der Deutsch-Australier Max Schubert lehrten mit ihren Spitzenweinen selbst die renommiertesten Namen des europäischen, insbesondere des französischen Weinbaus das Fürchten.


Neue Welt oder Alte Welt? Wer glaubt, die so genannte Neue Welt besäße keine Weinbautraditionen, vergisst in der Regel, dass beispielsweise in Chile (im Bild das historische Fasslager der Kellerei Casa Silva im Valle de Colchagua) bereits seit Mitte des 16. Jh. Wein erzeugt wird, in Südafrika seit 1655.

In Europa entstand etwa zur gleichen Zeit eine Gegenbewegung zum immer massiveren Einsatz von Chemie und Technik, der biologische oder ökologische Weinbau und seine „verschärfte" Form, der biodynamische Weinbau. Ihre Motivation bezogen die Anhänger dieser neuen Richtungen aus dem in der traditionellen Winzerschaft lange Zeit unverantwortlichen Umgang mit chemischen Unkraut- oder Schädlingsbekämpfungsmitteln, wobei ihnen naturschonende Produktionsmethoden in den ersten Jahren leider mehr am Herzen zu liegen schienen als die Qualität ihrer Weine.

Konventioneller wie ökologischer Weinbau brachten von Mitte der 1980er-Jahre an auf breiter Front Weine in einer Qualität hervor, wie man sie zuvor allenfalls von wenigen Spitzenerzeugern gekannt hatte. Auch Skandale – der Methanolskandal in Italien und die Glykolaffäre in Österreich fielen in diese Epoche – konnten den Elan der neuen Qualitätsbewegung nicht brechen. Bestärkt wurde sie vom internationalen Austausch unter den Kellermeistern und Önologen – die Figur des „flying winemaker", des nach den fliegenden Ärzten Australiens benannten Weinmachers, der Weingüter und Kellereien in den verschiedensten Anbaugebieten, Ländern und Kontinenten berät, war geboren. [...]


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